Der Morgen des ersten Bundesliga-Samstags in der neuen Saison. Die Süddeutsche Zeitung. Du denkst: Eine ganze Seite drei über Rolf Töpperwien, den wandelnden Lachsack des ZDF? Einer, der uns schon die ganzen Jahre genervt hat mit seiner Ehrerbietung gegenüber Leuten wie Otto rehhagel, der deshalb alle anderen Journalisten verachtete? Legendär, der Satz: “Jetzt betritt Otto Rehhagel deutschen Boden” – es muss nach einer relativ gewöhnlichen Sieg im Europapokal gewesen sein.
Aber diese Seite drei ist ein Lesegenuss. Es ist wie in einem guten schwäbischen Fleischküchle: Alles drin. Die Geschichte, als er sich nach einer Party mit Rum offensichtlich selbst angezündet hat. Die Geschichte, als er nach einem Besuch im Bordell Leierkasten eine Rechnung über 4.000 Mark bekam. “Töppi” – einer wie Waldi, Calli und all die anderen – beschwerte sich und schrieb: “Ich bin doch kein Marathonmann.” Schade, dass er den Protest auf einem Briefbogen des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF) schrieb – und wir alle wahrscheinlich auch noch mit unseren Gebühren die Briefmarke zahlen mussten. Hut ab, wenn man damit so lange beim ZDF bleiben kann.
Ganz genial die Geschichte mit den Preisen. Holger Gertz, der diese Geschichte schrieb und immer wieder Parallelen zu Jochen Bouhs zog, schrieb: “… dafür gibt es nicht den Grimme-Preis. Aber immerhin den Entenorden des Karnevalsvereins Rote Dunken Recklinghausen…”
Bleibt nur die Frage: Ist´s zum Lachen oder nicht eher manchmal auch traurig mit dem Sport beim ZDF?
Die Serie mit Krake Orlando, die einen einzigartigen Ausblick auf die neue Bundesligasaison gibt, wird fortgesetzt.
Vierter Spieltag
Ärger bei Bayern München. Die Mannschaft ist wie erwartet mit zwölf Punkten aus vier Spielen gestartet und mit einem Torverhältnis von 28:0. Luis van Gaal aber ist richtig sauer. Denn in der AZ München münzt ein Reporter einen alten Hoeneß-Witz auf ihn um und fragt seine Leser: Was ist der Unterschied zwischen dem lieben Gott und van Gaal? Antwort: Der liebe Gott weiß, dass er nicht Luis van Gaal ist. Van Gaal will von Uli Hoeneß eine Erklärung: “Ich kenne keinen lieben Gott und will auch nicht mit ihm verglichen werden.”
In Hoffenheim kommt es zu erstaunlichen Szenen. Die verbliebenen 3.800 Zuschauer singen im Chor: “Wir wollen euch kämpfen sehen” – aber die Hälfte der Mannschaft klatscht freudig und anerkennend zurück. Ralf Rangnick hat nach dem Spiel alle Hände voll zu tun. “Das war keine Provokation. Aber nach der Verletzung von Marvin Compper und dem Wechsel von Tobi Weiss zu Real Madrid ist Arthur Beck als einziger Deutscher übrig geblieben – der Rest versteht die Sprache nicht.”
Hannover übertrifft sich mal wieder selbst. Manager Schmadtke und Trainer Slomka sind inzwischen so zerstritten, dass Schmadtke beim Spiel gegen den Hamburger SV lieber auf der Auswechselbank des Gegners Platz nimmt. In der Presse und vor Vereinschef Kind aber spielt Schmadtke das Ganze herunter: “Von dort hat man eine bessere Sicht.”
Lothar Matthäus hat einen neuen Kommentatorenjob. Nachdem der Vertrag mit Al Jazeera abgelaufen ist, übernimmt er den Job von Dr. Sommer bei Bravo. Themenkomplex in der ersten Ausgabe: Stören Zahnspangen beim Küssen?
Martin Rusike hat geschrieben. WM-Leser wissen: Das ist der Kellner aus dem Café in Centurion – ein wahrer Fußball-Experte. Und auch Tony Cast hat sich per Mail gemeldet. Er ist ein amerikanischer Fußballfan mit deutschen Vorfahren, der in Kansas wohnt. Inhalt: Noch heute schwärmen wir alle vom Fußball und auch vom Auftreten der deutschen Mannschaft bei der WM in Südafrika.
Aber was schreibt heute, zur gleichen Zeit, die Stuttgarter Zeitung über den Bundestrainer Joachim Löw, der ja für Spiel und Auftreten verantwortlich war und auch noch ist? „Der Bundestrainer ist zuletzt immer wieder den Beweis schuldig geblieben, dass er auch ein gewiefter Wettkampfcoach sein kann.“ Und: „Die Lizenz zum späteren Scheitern ist ausgelaufen.“
Scheitern bei der WM? Sind wir gescheitert? Habe ich was verpasst? Habe ich nur geträumt? Martin Rusike und Tony Cast Personen vom anderen Stern? Argentinien, England? Hallo?
30 Tage ist die Weltmeisterschaft vorbei. Auch im hintersten Zelt in Burkina Faso schwärmen sie vom begeisternden Fußball der Deutschen. Und was machen wir? Wir unterstellen dem Trainer, der England und Argentinien taktisch (im Wettkampf, nicht per Losverfahren) aufs pure Glatteis geführt hat, dass er nicht die Fähigkeiten hat, eine Mannschaft erfolgreich durch ein Turnier zu führen. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Löw sei IMMER WIEDER den Beweis schuldig geblieben, dass er auch ein gewiefter Wettkampfcoach sein kann. 30 Tage nach der WM, ca. 38 Tage nach dem Spiel gegen Argentinien und England. Nur, weil man gegen den späteren Weltmeister Spanien im Halbfinale mit 0:1 verloren hat. Eine Mannschaft, die auf der Ersatzbank Torres und Fabregas hat und schlicht und einfach eine höhere Qualität als die deutsche Mannschaft.
Wer hat eigentlich Joachim Löw empfohlen, diesen Job weiterhin auszuüben, den Vertrag zu verlängern? Nur, damit er sich nicht einmal einen Monat wieder elementare Dinge eines Trainers absprechen lassen muss?
Irgendwie typisch: Die Welt redet über unseren Fußball. Und wir? Wir verbrauchen Energie über die Frage, wer Kapitän ist, wenn Lahm und Ballack eventuell wieder einmal gemeinsam fit sind für ein Länderspiel. Und wer zuständig ist für die U21. Wir begeistern mit einem Fußball die ganze Welt – aber wir führen keinerlei fachliche Diskussionen über das Spiel – zum Beispiel darüber, wo diese Leistungssteigerungen herkamen und über Trainingseinheiten und über Anzahl der Trainingseinheiten. Wir sprechen dagegen dem Trainer eine wichtige Grundvoraussetzung ab (kein gewiefter Wettkampfcoach zu sein, wäre ja die Bankrotterklärung), diskutieren über Nebensächlichkeiten (wer trägt die Kapitänsbinde) und über die U21.
P.S.: Kennt irgendjemand den Zuständigen der spanischen U21?
So – und jetzt wäre das auch gesagt. Aber ehrlich: Eine Hoffnung auf Besserung ist damit nicht verbunden.
Aufatmen in der Liga: Mit der Rückkehr von Urlauber Grafite sind schon am dritten Spieltag alle Brasilianer an Bord. Eigenmächtig haben wieder alle ihren Urlaub überzogen, Rafinha soll in Genau anscheinend sieben mal das Flugzeug für den Anschlussflug verpasst haben. Wolfsburgs Manager Dieter Hoeneß sagt: „Das werden wir uns nie mehr gefallen lassen. Da werden wir jetzt Härte zeigen.“ Trotzdem spielt Grtafite drei Stunden nach Ankunft im Punktspiel gegen St. Pauli, bleibt blass und wird nach 56 Minuten ausgewechselt. Anschließend ist er eine Woche verletzt.
Hammerlos im DFB-Pokal: Bayer Leverkusen muss zu Hertha BSC Berlin. Bayers Neuzugang Ballack fällt für dieses Spiel aus, Probleme im Oberschenkel. Rudi Völler: “Es geht nicht. Der M;uskel hat zugemacht.”
Kurioses bei den Vertragsverhandlungen in Stuttgart: Arthur Boka will seinen Kontrakt nur verlängern, wenn er vertraglich zugesichert bekommt, dass für ihn vor der Kabine zehn Parkplätze reserviert sind. Dort stehen permanent: Ein Lamborghini, drei AMG-Mercedes und zwei Porsche, zwei Audi, ein BMW. Bokas Fuhrpark kostet mehr Geld als die Jugendarbeit des VfB.
Bei Bayern München kommt es völlig unerwartet zum Comeback von Frank Ribery. Am Spielfeldrand steht ein seriös aussehender französisch sprechender Mann mit dunklem Anzug. Könnte ein Staatsanwalt sein…
Überraschung in der Ukraine: Einen Tag vor Amtsantritt wurde der Vertrag mit Lothar Matthäus wieder gelöst. Unstimmigkeiten im Verband. Matthäus bestand darauf, im Frauenbereich auch die U21 zu trainieren. Der Verband lehnte es ab. Darüber kam es zum Zerwürfnis.
Hamburg verblüfft: Der HSV wartet mit einer neuen Taktik auf. Wegen des Dauerstreits um die Torhüterposition zwischen Rost und Drobny stellt Trainer Armin Veh, der sich nicht entscheiden kann, beide auf. Rost als Torwart in der linken Hälfte des Tores, Drobny quasi als Feldspieler rechts. Drobny darf die Hände nicht benutzen, in der Halbzeit tauschen Drobny und Rost die Position. HSV-Chef Hofmann: „Nirgendwo steht, dass dies verboten ist.“ Brenzlig wird es nur, als Rost und Drobny anfangen zu diskutieren und sich Vorwürfe machen. Der HSV gewinnt gegen Bremen 2:1 – vor allem, weil Werder so verwirrt ist.
Traumstart bei Sky: Raul, Metzelder und all die anderen sorgen für Aufsehen in der Bundesliga. Auch beim bisher so stark kriselnden Bezahlsender Sky. Die Aktien schießen in die Höhe. Von 0,01 Cent pro Sky-Aktie auf 0,04 Cent. Es wird eine Gewinnwarnung herausgegeben und Marcel Reif ist ein ernsthafter Kandidat für den Nobelpreis für Literatur.
Felix Magath schickt nach zwei Wochen Jens Lehmann wieder weg und holt dafür Oliver Kahn. „Wir brauchen einen, der mit seiner Erfahrung Druck auf Manuel Neuer ausübt.“
Schiedsrichter Kempter war eigentlich für sein erstes Spiel Hannover gegen Köln vorgesehen. Aber am Abend vor dem Spiel entscheidet das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe nach einem Antrag von Amerell, dass Kempter das Spiel nicht leiten darf.
Vergesst Paul. Es gibt die neue Krake Orlando, die im Ludwigsburger Zoo die neue Saison vorhergesagt hat. Orlando hat eine Trefferquote von 113 Prozent. Weltexklusiv hier ein Ausblick auf die neue Saison. Orlando will bis zum Saisonstart regelmäßig hier die Vorhersagen treffen.
Erster Spieltag:
Die Saison beginnt mit einem Paukenschlag. Lothar Matthäus will mit diesem Business nichts mehr zu tun haben. In einer Kolumne schreibt er: Ich trainiere nur noch Frauen-Mannschaften. Frauenfußball natürlich. Umgehend kommt das erste Angebot aus der Ukraine. Er soll dort die Frauen-Nationalmannschaft übernehmen.
Jubiläum auf Schalke: Vor dem ersten Spiel wird in Schalke der 50. Neuzugang der Saison begrüßt. Es ist Jens Lehmann. Trainer Magath rechnet vor, dass sich finanziell alles rentiert („keine Ablösesumme“). Und Magath fordert noch einmal 40 Millionen für neue Spieler – sonst wechsle er zu Pepsi Cola Leipzig, schreibt Sport-Bild. Schalke ist ratlos und stimmt zu. Die erste Begegnung verliert Schalke gegen St. Pauli mit 0:4. Magath: „Es dauert vier Jahre, bis wir eingespielt sind.“
In Nürnberg wird das erste Spiel überschattet von einem Zwischenfall. Trainer Hecking war der Trainer, auf dessen Rauswurf am meisten wetten. Nach der 1:3-Niederlage gegen Frankfurt gibt Peter Neururer, der rein zufällig im Stadion war („ich wollte nur eine Nürnberger Stadion-Bratwurst essen“), eine eigene Pressekonferenz und erklärt: „Ich wüsste, wie man diese Mannschaft retten kann.“ Als er aber während der Pressekonferenz erfährt, dass Real Madrid das erste Saisonspiel verloren hat, verlässt er fluchtartig den Saal, rast zum Flughafen, um nach Spanien zu fliegen. Auf dem Weg zum Flughafen holt er ein Blaulicht aus dem Handschuhfach, setzt es aufs Autodach und ruft bei Bild an: „Im Vergleich zu mir ist Mourinho ein Lehrling.“
Mysteriöses bei einem Spitzenverein im Süden der Republik. Wieder wird bei einem Spieler, der im ersten Spiel 90 Minuten schmerzfrei gespielt hat, ein zwölf Zentimeter langes Loch im Muskel festgestellt. Der Verein setzte Privatdetektive an. Sie nehmen das Kernspingerät unter die Lupe. Und finden unten einen Aufkleber: „Sponsored bei Reha-Zentrum Baju“.
Wir haben uns bisher vornehm zurückgehalten. Busenoperationen, Interviews mit Schönheitschirurgen usw. sind nicht unsere Themen. Und doch können wir nicht auf Dauer an einem der großen Presse-Themen des Fußballs nicht vorbei. Vom Fall des Ehrenspielführers der deutschen Nationalmannschaft:
Jetzt bin ich ganz verwirrt. Übers Wochenende plädiert Deutschlands Schiedsrichter-Chef Herbert Fandel dafür, die Zeitlupen im Fernsehen ganz abzuschaffen. Originalton: „Die Zeitlupe zeigt nicht die Wahrheit.“
Seither schlafe ich schlecht. Wenn ich also jetzt das Länderspiel Deutschland gegen Dänemark im Fernsehen angucke – dann ist dies gar nicht die Wahrheit? Weil, wie Fandel sagt, „die dritte Dimension fehlt – die Tiefe“? Habe ich jahrelang etwas gesehen, was gar nicht richtig gestimmt hat? Ist ein guter Pass noch ein guter Pass – auch wenn die dritte Dimension fehlt? Ein Schuss, den ich auch in der dritten Zeitlupe als haltbar einschätze – ist der doch unhaltbar, weil die dritte Dimension fehlt?
Dabei bin ich mit Fandel in einem elementaren Punkt einer Meinung: In den Stadien brauchen wir auf der Leinwand keine Zeitlupe. Es wäre unverantwortlich, gravierende Fehler zu zeigen, so lange das Spiel noch läuft oder der Schiedsrichter im Stadionbereich ist. Aber ich bin mir ziemlich sicher, das dies auch so reglementiert ist. Zumindest bei strittigen Situationen. Wird doch etwas gezeigt, liegt einfach ein Fehler eines Verantwortlichen vor, der am Mischpult sitzt.
Aber im Fernsehen? Ich will meine Zeitlupe haben – will mich aufregen. Über den Schieri und über den Spieler, der die Chance vergibt.
Und überhaupt? Wo fangen wir an, wo hören wir auf? Elfmeterschießen. Gibt es dann keine Zeitlupe mehr? Weil vielleicht ein Regelverstoß vorliegt, den man ohne dritte Dimension nicht erkennt? Darf dann auch eine Zeitung nicht mehr schreiben, dass es einen Fehler des Schiedsrichters gab? Oder dürfen dann auch Fotos von strittigen Szenen nicht mehr gezeigt werden?
Ich weiß, dass Schiedsrichter einen schweren Job haben und ich möchte auch nicht mit ihnen tauschen. Aber täten sie sich nicht leichter, wenn sie einfach einen weiteren Schritt in Richtung Normalität machen würden? Trainieren, sich vorbereiten, gegen Auswüchse und schwarze Schafe kämpfen? Jeder weiß, dass sie Menschen sind und Menschen auch Fehler machen. Aber dafür zu sorgen, dass Fehler nicht gezeigt werden, hat noch selten zur Besserung der allgemeinen Situation geführt. Es wäre nur ein weiterer Schritt in Richtung Geheimbund – Parallelen zur katholischen Kirche wären dann noch deutlicher herausgearbeitet. Denn unfehlbar wird man nicht dadurch, dass man auf die Berichterstattung eingreift.
Schiedsrichter sind Teil des Spiels, werden zwischenzeitlich auch gut bezahlt und auch gut hofiert und machen ihren Job. Den sollten sie möglichst gut machen und über alles, was ihnen den Job erleichtert, ist zu diskutieren. Aber ein Zeitlupenverbot hilft niemand weiter.
Mich ärgert auch, dass man in diesem Zusammenhang immer wieder drüber diskutiert, dass Spieler größere Fehler machen und trotzdem nicht so angefeindet werden. Spieler und Schiedsrichter haben unterschiedliche Aufgaben. Der Schiedsrichter ist kraft Amtes dazu verpflichtet, das Spiel möglichst neutral und gut zu leiten, der Spieler hat einen Vertrag mit einem Verein. Haut der Spieler dreimal daneben, wird sein Vertrag auch nicht verlängert. Und ganz ehrlich: In der Haut des ghanaischen Spielers, der den Elfmeter verschossen hat, möchte ich auch nicht stecken. Auch, wenn davon keine Zeitlupe gesendet werden würde.
Nach der Weltmeisterschaft sollten wir langsam aber sicher den Blick Richtung Europameisterschaft (Polen/Ukraine) richten. Das solltet ihr euch mal anhören. Denn anschließend ist klar: Die Stadien werden rechtzeitig fertig. Und ganz ehrlich: Bestimmte Dinge hat man selbst schon mal erlebt…
Löw, Klinsmann und Eitel feiern nach dem Sieg gegen Portugal beim Spiel um Platz drei in Stuttgart im Amici.
Jetzt wird gebloggt. Und berichtet. Mit viel Hintergrund – aber auch mit Emotionen Rechtzeitig zur Weltmeisterschaft entsteht hier ein neuer Fußball-Blog. Von Insidern – für Insider. Ich war seit 1986 mit einer einzigen Ausnahme bei allen Fußball-Welt- und Europameisterschaften. Ich habe diese Veranstaltungen aus verschiedensten Blickwinkeln erlebt: Journalist der Stuttgarter Zeitung, PR-Mann von Unternehmen, Berater von Spielern, Berater von Trainern. Bis hin zur grandiosen Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land.
Und jetzt Südafrika. Die Koffer sind fast gepackt, die Reiseplanung steht. Am Sonntagabend Flug mit der Mannschaft und dem neuen Airbus von Frankfurt nach Johannesburg. Dann wohnen wir in Centurion in einem Haus auf einem Golfplatz. Ca. 15 Minuten von der deutschen Mannschaft, aber nur fünf Minuten von den Italienern. Klar, unsere Spur führt direkt zu Joachim Löw ins Quartier der deutschen Mannschaft. Und zu Jürgen Klinsmann, der bei dieser Weltmeisterschaft für drei Fernsehsender (RTL, ESPN, BBC) berichtet. Und hoffentlich auch zu Carlos Dunga, früher beim VfB Stuttgart, heute Nationaltrainer von Brasilien.
Also: Lasst uns diese WM genießen. Wie 2006 auch. Und ganz ehrlich: Waren wir 2006 nicht auch skeptisch, sogar noch während des Eröffnungsspiels gegen Costa Rica. Und wie wurde da am Ende gefeiert?
Am Sonntagabend fliegt die deutsche Mannschaft zur WM nach Südafrika. Und es ist klar: Es ist die jüngste deutsche Mannschaft bei einer WM seit gefühlten hundert Jahren. Undwie immer vor Turnieren, wenn wir Deutschen wieder mal unsere gewohnten Selbstzweifel brauchen, sagen wir: …aber es fehlen in diesem Team richtige Typen. Und wenn wir unsere Selbstzweifel mal kurz vergessen haben, weil uns angesichts der Spielfreude von Özil, Khedira, Schweinsteiger, Lahm oder Cacau das Herz aufgeht, sagt einer (und wenn es schlimmstenfalls Frings ist): Wir haben eine Schwiegersohn-Mannschaft. Es fehlen die Typen.
Was ist eigentlich ein Typ im Fußball? Und garantiert er den Erfolg? Und vor allem: Kann man mit einem solchen Typen fünf Wochen in einem Hotel sein.
Was waren das noch für Zeiten 1994 in den USA. Als die damalige Frau Effenberg mit eigenem Medientross in einem Hotel in Mannschaftsnähe einzog und am Pool ihre eigenen Interviews gab. Oder als Borussia Mönchengladbach ein paar Tage in einem Hotel im Trainingslager war und Effe aus purer Langeweile (oder war´s der Lagerkoller) mit dem Luftgewehr auf die Zimmerlampen schoss? Oder Uli Stein, der vor kurzem noch brutal über Podolski urteilte – aber doch 1986 von der WM heimgeschickt wurde, weil er u. a. den damaligen Trainer, der es gewohnt ist, als Lichtgestalt bezeichnet zu werden, als Suppenkasper ansprach.
Wer oder was ist ein Typ?
Ist Frings ein Typ? Wegen was? Wegen Tatoos? Haben sie einmal in den letzten Jahren ein gehaltvolles Interview von ihm gelesen oder hat er nicht ganz einfach den Bundestrainer beleidigt, weil der ihn gewogen und für zu alt befunden hat.
Was macht ein Typ aus? Tatoos? Bart? Laute Interviews? Die Frisur? Durchzechte Nächte? Sein Auto?
Oder sind nicht die Typen die wahren Helden, die mit Leistung überzeugen? Und mit klugen Interviews?
Die Jungs, die am Sonntag ausziehen nach Südafrika, repräsentieren auch ein hoch entwickeltes Land bei einem Turnier, bei dem die ganze Welt zuschaut. Und ganz ehrlich: Ich fühle mich seit einigen Jahren wohl, wenn die deutsche Mannschaft unterwegs ist. Trainer und Manager mit Manieren und internationaler Sprache, Spieler, die sich verbessern wollen und bis ans Limit gehen. Spieler wie Mertesacker, Arne Friedrich, Philipp Lahm, Schweinsteiger, Khedira, Cacau – alles Jungs, die den Kopf nicht nur zum Kopfball haben. Eine Spielweise (immer offensiv), mit der ich mich identifizieren kann, technisch hochstehender Fußball.
Natürlich wird eine Fußballmannschaft letztenendes am Erfolg gemessen. Aber wer garantiert, dass lautes Macho-Gehabe zum Erfolg führt? Ist die Zeit der Typen vielleicht endgültig vorbei?
Und dazu die Frage: Wie oft waren die Aushängetypen Effenberg oder Basler Weltmeister? Wurde nicht Effenberg von der WM heimgeschickt? Und war auch Basler nicht 1996 in England bei Turnierende wieder daheim? Was haben diese Typen gerissen, wenn sie mal ein paar Tage sich einordnen mussten? Und vor allem: Was würden sie heute reißen? Bei diesem Hochgeschwindigkeitsfußball, der weltweit gespielt wird.
Aber wir Deutschen sind halt so. Wir sollten uns nichts vormachen: Hätte Jogi Löw diejenigen nominiert, die man als “Typen” bezeichnet, würden wir sagen: “… aber es fehlen die jungen Spieler, die bei einem solchen Turnier Druck auf die Etablierten ausüben…”
Dieser Airbus A380 brachte die deutsche Mannschaft nach Südafrika.
Zehneinhalb Stunden sind es mit dem neuen Airbus A380 von Frankurt nach Johannesburg. Und wo man hinschaut – nur Superlative: Das größte Flugzeug der Welt, das ruhigste Flugzeug, das spektakulärste – und als ob das alles nicht genug wäre, ist auch noch Shakira mit an Bord. Sie singt am Freitag bei der Eröffnung der Fußball-Weltmeisterschaft. Und zuvor begrüßt sie über Bordlautsprecher die Mitreisenden und speziell die Spieler.
Schneller, höher, weiter – und auch immer spektakulärer? Zunächst: Der Marketing-Gag der Lufthansa ist gelungen. Jeder Fernsehsender, jede Tageszeitung berichtete über diesen Flug des neuen Airbusses. Aber was ist daran wirklich spektakulär? Klar, zum Teil ist es das Flugzeug, vor allem, wenn es am Terminal steht. Aber man hat es sich wuchtiger vorgestellt. Und drinnen ist es wie immer: Sehr eng und auch etwas ungemütlich. Man denkt, so müssen sich die Ölsardinen fühlen, wenn sie eingedost sind. Aber für die Nationalmannschaft ist diese Art der Reiserei sehr angenehm: Sie sind im 1. Stock in der Businessclass und in der 1. Klasse komplett unter sich – gemeinsam mit Shakira. Der Rest sitzt unten, die Treppen im Flugzeug sind aus verständlichen Gründen dieses mal nicht in Betrieb. Ca. 100 Journalisten sind an Bord, der Rest reist auf anderen Wegen. Dazu einige Fans, die im Preisausschreiben gewonnen haben und der Rest wurde von der Lufthansa mit Reisebüroangestellten aufgefüllt. Sie tragen das T-Shirt “One day in Africa” – das heißt: Frankfurt abends ab – Johannesburg morgens an – am gleichen Tag abends ab – und am nächsten Morgen Frankfurt an. 36 Stunden unterwegs – davon 21 im Flugzeug. Und man hofft: Hoffentlich brauchen wir am Ende kein T-Shirts: “Three games in Africa”.
Warum sind eigentlich auch in den modernsten Flugzeugen zehn Sitzplätze pro Reihe? Gibt es kein verbrieftes Recht auf Beinfreiheit? Gerade bei Langstreckenflugzeugen? Und irgendwann zwischen 2 und 3 Uhr nachts denkt man: Hätte man angesichts der Dimensionen und der Superlativen nicht ein paar cm mehr für die Beine freihalten können? Das wäre was gewesen. Aber jetzt ist es um diese Zeit auch ein schwacher TRost, wenn man daran denkt, dass direkt über einem “Poldi” im 2,20 m-Bett selig schläft. Er soll in Südafrika die Kastanien aus dem Feuer holen.
Unten diskutieren die Journalisten schon mal offen drüber, wer Nachfolger von Joachim Löw wird. Aber dabei wird nicht berücksichtigt: Die Mannschaft, die jetzt bei der WM 2010 spielt, wird zum großen Teil auch bei der WM 2014 spielen und die meisten sind sogar für 2018 eine Option. Und die Spieler werden dann noch besser sein. Wer sagt da noch, dass der Trainer nicht die Früchte seiner Arbeit ernten will? Sofern sie jetzt nicht völlig verblühen.
Das Beste an diesem Flug: Der Film Invictus im Bordprogramm. Wer mehr über Südafrika sehen oder wissen will, MUSS diesen Film gesehen haben. Seit Wochen versuche ich, diesen Film zu sehen – jetzt ist es mir gelungen. Er sagt vieles aus über die Tatsache, was dieses Land mitgemacht hat in den vergangenen Jahren – und was es noch immer mitmacht. Aber ganz ehrlich: Um diesen Film zu sehen, braucht man keinen neuen Airbus – ab Mitte Juni gibt es die DVD im Handel.
In Johannesburg am Flughafen, morgens um halb acht: Blauer Himmel, strahlender Sonnenschein und ein ganz spezielles Bild, das den wenigsten auffällt. Die deutsche Mannschaft steigt aus – und 50 m weiter am nächsten Gate verläßt im gleichen Moment das Team aus Ghana das Flugzeug. Auf beiden Treppen Boatengs – auf der einen der Verteidiger, auf den Löw setzt. Auf der anderen Treppe dessen Bruder, der Ballacks WM-Träume beendet hat. Die deutsche Mannschaft aber ist gut abgeschirmt. Beim Einsteigen geht man in Frankfurt direkt über einen speziellen Zugang in den ersten Stock, beim Aussteigen müssen die anderen Passagiere sitzen bleiben, bis die Nationalspieler das Flugzeug verlassen haben.
Johannesburg ist vorbereitet auf die WM. Kaum Warten an der Passkontrolle – mit der Akkreditierung der Fifa geht es ganz schnell. Bei den Autovermietungen merkt man zum ersten Mal, was eine WM doch an finanziellen Umsätzen für ein Land bringt. Lange Schlangen an allen Stationen – obwohl gut und schnell gearbeitet wird.
Die Straße von Johannesburg nach Pretoria ist noch immer nicht ganz fertig – aber der Verkehr fließt. Überall bunte Bilder von der WM, von “Bafana, Bafana”. Aber die Begeisterung sorgt für Probleme. Bei einem Freundschaftsspiel kam es am Sonntagabend zum Chaos, weil immer mehr Zuschauer in das Stadion drängten. Der DFB überlegt in diesem Moment. Denn als Zeichen der Sympathie mit dem Gastgeberland hat man gleich das erste Training öffentlich gemacht. Aber das Stadion von Atteridgeville liegt mitten im Township, kein Mensch kann abschätzen, wie viele Zuschauer kommen werden. Doch Oliver Bierhoff hat Extra-T-Shirts für dieses Training vorbereiten lassen – und hofft jetzt, dass alles gut geht und eine gut gemeinte Idee sich nicht ins Gegenteil verkehrt. Denn trotz aller gegenteiligen Meldungen führt der deutsche Fußball in Südafrika noch ein Stiefmütterchendasein. Hier wird seit vielen Jahren im Fernsehen englischer Fußball gezeigt – die Bundesliga ist erst jetzt zu sehen. Bei einer Umfrage nach den Mannschaften, die die Südafrikaner neben ihrem Heimatland bei der WM unterstützen, landete Deutschland im Mittelfeld. In den Regionen von Serbien und Slowenien. Zeit, das sich was dreht. Mit Özil, Khedira und Schweini.
Jetzt wird es ernst bei der Fußball-Weltmeisterschaft. An was man es merkt? Franz Beckenbauer kommt. Und das verspricht immer höchste Unterhaltung. Man weiß zwar nicht, welchen Hut er heute am Mikrophon aufhat (den vom DFB, den von der Bild-Zeitung, den von Mercedes, den vom FC Bayern, den von Sky, den von Adidas, den von Erdinger, den von der Olympia-Bewerbung München, den von SAT1, den von der Fifa – oder war´s die Uefa?), aber er garantiert einfach eine mediale Aufgeregtheit.
Das Leben in Südafrika bringt auch an Tag zwei jede Menge Überraschungen. Unsere Männer-WG, die aus zwei badischen Fotografen, zwei Japanern und mir besgeht, funktioniert bestens. Akira, nicht zu verwechseln mit Shakira, die gestern das Thema war, ist ein Freund von Markus Gilliar aus Liedolsheim bei Karlsruhe, fotografiert für ein großes japanisches Sportmagazin und ist hier bereits bei seiner achten Fußball-Weltmeisterschaft. Er war schon 1982 in Spanien dabei und könnte mit Oskar Beck über längst vergangene Zeiten diskutieren. Der Journalist aus dem Schwabenland hat gestern sofort festgestellt, dass ihn das Quartier der deutschen Mannschaft in seiner Abgelegenheit ganz stark an Ascochinga erinnert. Dort hat die deutsche Mannschaft bei der WM 1982 gewohnt und einzige Attraktion an diesem verlassenen argentinischen Ort war ein Straßenköder, der berühmte “Hund von Ascochinga”. Beck ist im ganzen Tross der einzige, der damals schon dabei war. Mich erinnert das Quartier eher an Queretaro – dort haben wir bei der WM 1986 (Mexiko) gewohnt – damals noch als Journalist mit der Mannschaft im gleichen Hotel. Und wegen der unterschiedlichen Ausgangslage dort gab es “gedachte Linien”, die von bestimmten Gruppen nicht überschritten werden durften, was wiederum nur zu Stress und Streit führte.
Was macht eigentlich Norbert Barthle? Kennen Sie den noch? Das war derjenige, der vor ziemlich genau vier Jahren schlagzeilenträchtig verlangte, Jürgen Klinsmann solle nach der Niederlage im Testspiel gegen Italien vor den Bundestagsausschuss doch bitte sein WM-Konzept erklären. Es wären nach dieser Niederlage ein paar Antworten fällig.
Der Barthle von 2010 ist Thomas de Maiziere. Der ist Bundesinnenminister und sagt rechtzeitig vor dem ersten Spiel: „Ich würde an Löws Stelle Frings aufstellen.“ Selbst mir fehlen da fast die Worte – was zugegebenermaßen ganz selten passiert. Das lasse ich unkommentiert stehen – soll sich jeder einen Reim darauf machen.
Tag drei in Südafrika besteht aus Politik und auch ein bisschen Vergangenheitsbewältigung. Mal wieder wird darüber diskutiert, ob alle deutschen Spieler die Hymne singen MÜSSEN, bzw. warum sie es nicht tun. Das würde die Nationalmannschaft besser aussehen lassen, sagen viele. Ein Thema, das vor jedem Turnier ebenso wiederkommt, wie die Ratschläge der Polititker. Was hat Joachim Löw – teilweise gemeinsam mit Jürgen Klinsmann – seit 2004 für das weltweite Ansehen Deutschlands gemacht – und mit welchen Themen müssen sie sich ein paar Stunden vor dem ersten Spiel beschäftigen?
“Nicht die Gewehrkugeln und Generäle machen Geschichte, sondern die Massen.”
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“Niemand wird geboren, um einen anderen Menschen zu hassen. Menschen müssen zu hassen lernen und wenn sie zu hassen lernen können, dann kann Ihnen auch gelehrt werden zu lieben, denn Liebe empfindet das menschliche Herz viel natürlicher als ihr Gegenteil.”
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Das große Spiel hat begonnen. Und eigentlich ist jedes Spiel sein Spiel. Nelson Mandela. Der 91-Jährige ist viel mehr als nur ein ehemaliger Staatspräsident eines Landes und von ihm stammen auch die eingangs erwähnten Zitate. Es paßt zur Tragik dieses Mannes, dass er am Nachmittag nicht an der Eröffnung dieser Weltmeisterschaft teilnehmen konnte, weil in der Nacht zuvor seine Urenkelin tödlich verunglückte. Aber es war ein überaus bewegender Moment, als Staatspräsident Zuma im Stadion Mandelas Name erwähnte und den Leuten zurief: “Er hat gesagt, ihr sollt weiter feiern.”
Es hat schon viele bewegende Momente gegeben im Leben von Nelson Mandela. Geboren am 18. Juli 1918, aufgrund seines Einsatzes gegen die Apartheid-Politik als Häftling mit der berühmten Nummer 46664 insgesamt 18 Jahre auf Robben Island unter unvorstellbaren unmenschlichen Bedingungen, zusätzlich noch einmal fast genau so lang in anderen Gefängnissen, am 11. Februar 1990 in die Freiheit entlassen, von 1994 bis 1999 erster schwarzer Präsident Südafrikas, Friedensnobelpreisträger. Und vor allem: Ein großartiger Mensch, dem Worte wie Rache oder Revanche völlig fremd sind.
Seit jenem Samstag im Mai 2004, als die WM – nach einer Rede von Mandela – nach Südafrika vergeben wurde, bereitet sich dieses Land vor auf diese Veranstaltung. Die Anstrengungen sind in diesen sechs Jahren sicherlich weitaus größer als bei Weltmeisterschaften in Europa. Aber es gibt eigentlich ohnehin nichts vergleichbares. In diesem Land hat sich in 20 Jahren mehr bewegt als in anderen Ländern in hunderten von Jahren. Und zwar friedlich.
Es gibt kein Land auf dieser Welt, das mehr Gegensätze bietet als Südafrika. Wenn man zum Training der deutschen Mannschaft fährt, sieht man das an jeder Straßenecke. Man fährt los in Luxusgegenden, aber das Super-Stadium, in dem Jogis Jungs trainieren, liegt mitten im Township Atteridgeville. Von diesem Township weiß man, dass es 1939 gegründet wurde, indem man 1.400 Häuser oder besser gesagt Hütten hinstellte. Aber niemand weiß, wie viele Häuser es heute gibt und wie viele tausend Menschen dort leben. Es ist ein besonderes Schauspiel, wenn der Bus der deutschen Mannschaft dort täglich einfährt. Vorne mindestens drei Polizeiautos mit Blaulicht, dann der Bus, dann zwei Begleitfahrzeuge des DFB – dann wieder drei Polizeiautos. Nicht zu vergessen die Motorräder dazwischen.
In unserer Männer-WG auf dem Golfplatz von Centurion beginnt heute eine neue Zeitrechnung: Man geht morgens auseinander, zu verschiedenen Spielen und kommt spätabends zurück. Die drei Fotografen hoffen darauf, dass sie im Stadion einen guten Platz bekommen, der japanische Schreiber auf gute Storys – und ich auf deutsche Erfolge, die das Leben angenehmer machen.
Auch draußen, im Grand Hotel Velmore, wo die deutsche Mannschaft logiert, herrscht im Moment erstmals eine kleinere Aufbruchstimmung. Am Samstag um die Mittagszeit wird das deutsche Team zum ersten Spiel nach Durban reisen. Die Fahrt zum Flughafen dauert 30 Minuten, der Flug nach Durban eine Stunde. Und somit beginnt die heiße Phase der Spielvorbereitung: Am Abend wird im Stadion trainiert (zur gleichen Zeit, zu der am Sonntag auch das Spiel stattfindet – jede Mannschaft darf 45 Minuten auf den Rasen). Gründlich deutsch wurde schon auch intern alles festgelegt. Man reist: Strenesse Casual – beige Hose, weißes Polo, blaues Sakko. Casual – die neue Generation läßt grüssen.
Und dann hoffen alle auf eine wunderbare Weltmeisterschaft. Und alle hoffen auch, dass Nelson Mandela diese WM genießen kann. Der Anfang ist gemacht. Die Leute erlebten eine wunderschöne Eröffnungsfeier, in der sich Südafrika präsentierte und die südafrikanische Mannschaft spielte gegen Mexiko 1:1, stand sogar kurz vor dem Sieg, als sie in der 89. Minute den Pfosten traf.
Hinter vorgehaltener Hand sagen die Südafrikaner schon seit mehreren Wochen, dass nur ein Geschehen einen Stillstand bei dieser Weltmeisterschaft herbeiführen könnte: Ein Tod von Nelson Mandela. Er ist fast 92 Jahre alt und es ist schon festgelegt, dass seinem Tod eine mehrtägige Staatstrauer (man spricht von zehn bis zwölf Tagen) folgen wird. Und Staatstrauer und Fußball-WM – das passt nun wirklich nicht zusammen. Aber in diesem Fall sind die Regularien ohnehin unwichtig: Es gibt (noch) Wichtigeres als eine Weltmeisterschaft. Das Wirken von Nelson Mandela zum Beispiel.
Der Ball rollt – und der erste Tag war ein wundervoller Tag. Wie so oft bei solchen Veranstaltungen: Von den Leuten, die die Vergabe der WM an Südafrika so heftig kritisiert haben, hört man an solchen Tagen gar nichts. Wunderschöne Stadien, Begeisterung bei den Leuten – und auch eine nahezu perfekte Organisation. Natürlich ist die WM noch lange nicht vorbei – aber der Auftakt hat gezeigt, welche Freude und welchen Stolz die Südafrikanern empfinden.
Ich habe das erste Spiel auf Empfehlung von Margarete, unserer Vermieterin mit deutschen Vorfahren, im Restaurant des Golfclubs angeguckt. Mit 150 Südafrikanern und mit der “Vuvuzuela-Indoor-Version”, die weitaus schlimmer ist als die im Stadion. Alle im “Bafana, Bafana”-Trikot – außer mir und zwei, drei anderen. Irgendwie erinnerte dieser Nachmittag an die WM 1994 in den USA: Große Begeisterung – aber null Ahnung. Nur ein Beispiel: Der größte Jubel brandete in der 80. Minute auf. Plötzlich ein Super-Angriff der Südafrikaner auf dem Bildschirm mit einem Tor. Alles jubelt, springt auf, Umarmungen – bis einer sagt: “It´s a replay.” In der Tat: Es war nur eine Wiederholung des ersten südafrikanischen Tores. Man lacht, klopft sich auf die Schenkel und es geht weiter.
Aber man merkt auch in diesem Moment: Fußball ist hier noch immer der Sport der schwarzen Bevölkerung. Die Weißen bevorzugen Rugby und fiebern dem Spiel des Springbock-Teams gegen Frankreich entgegen. Ich war dieser Tage mit Bradley Carnell unterwegs, linker Verteidiger aus Südafrika, früher VfB Stuttgart und Karlsruher SC, zuletzt Hansa Rostock und im erweiterten Team der Südafrikaner: Er wird von jedem dunkelhäutigen angesprochen, jeder will ein Foto, ein Autogramm. An der Tankstelle, von den Bedienungen. Aber er wird von keinem einzigen Weißen erkannt.
Vom Golf-Club führt mein Weg nach dem Spiel zum “Spar”, der das gleiche Logo hat wie der Spar in Deutschland. Fussgänger sind nicht vorgesehen hier. Es gibt eine zweispurige Straße, deren Überquerung eine mittlere Mutprobe ist. Keine Fussgängerampel und natürlich guckt man noch immer in die falsche Richtung, weil man sich noch nicht hundertprozentig an den Linksverkehr gewöhnt hat. Mutprobe bestanden. Der Weg führt dann vorbei an einer Tankstelle, an der junge schwarze Südafrikaner nach dem 1:1 um die Autos tanzen und das Unentschieden feiern. Hundertprozentig sind sie beim “Replay” sitzengeblieben.
Natürlich nerven die Tröten. Auch vor Ort. Aber auch wenn es eine Außenseitermeinung ist: Wer gibt uns das Recht, den Afrikanern zuzuschreiben, wie sie sich beim Fußball zu verhalten haben? Was würden wir sagen, wenn die Afrikaner vor der WM in Deutschland erklärt hätten: Wir wollen keine Gesänge in den Stadien? Das nervt uns – bitte lasst das. Seit vielen Jahren haben die Afrikaner diese Vuvuzuelas. Und wir sollten die Souveränität haben, den Afrikanern auch bei der WM einfach das zugestehen, was sie immer tun. Auch, wenn es in der Tat manchmal nervt.
Viel eher nervt mich, dass das ZDF offensichtlich erst jetzt anfängt, zu überlegen, wie man diese Außengeräusche besser einstellen kann. Denn der Lärm der Vuvuzuelas war so sicher wie der nächste Überfall in Johannesburg. Das darf niemanden überraschen, der sich ernsthaft mit der Materie auseinandersetzt.
Der erste richtige WM-Tag war für alle erfolgreich. Jürgen Klinsmann erhielt für seinen RTL-Auftritt sehr gute Kritiken. Natürlich gibt es immer was zu verbessern, aber der Auftakt ist gelungen. Vor allem, weil das Konzept aufgegangen ist: Die ganze Sache soll nicht so staatstragend präsentiert werden, sondern leicht, locker und offensiv. Das ist seit dem Herbst 2004 auch Teil des Konzeptes der deutschen Nationalmannschaft. Noch EM 2004 habe ich bei den Übertragungen der Pressekonferenzen bei der Europameisterschaft immer gedacht, ich hätte mich verzappt und wäre in Guantanamo Bay gelandet, wo die Kriegsgefangenen vorgeführt werden. Alles so ernst, alles so erzwungen, alles so wichtig. Christian Wörns, Didi Hamann, Carsten Ramelow, die verschiedenen Trainer der vergangenen Jahre – keinerlei Lockerheit. Dabei sind wir doch diejenigen, die bei den großen Turnieren spielen dürfen – andere Nationen mussten zuhause bleiben. Und wir reden hier über Fußball – doch nicht über Krebs, Aids oder den Staatshaushalt.
Deswegen tut diese Entwicklung auch Deutschland gut. Natürlich gehört auch der sportliche Erfolg dazu, aber ich denke: In einer Stimmung wie in Portugal 2004 ist kein sportlicher Erfolg möglich. 2006 (WM-Halbfinale) und 2008 (Finale EM) hingegen wurden die sportlichen Ziele erreicht. Und vielleicht wird es ja auch allen langsam aber sicher klar, dass zu dieser Philosophie kein Fußball passt, wie er früher gespielt wurde. Rechter Innenverteidiger spielt zum linken Innenverteidiger, zurück zum rechten Innenverteidiger, zum Außenverteidiger, zurück zum Innenverteidiger, zurück zu Kahn. Torwartabschlag, Kopfballduell an der Mittellinie, bei 50 Prozent prallt der Ball zum eigenen Mann, bei 50 Prozent zum Gegner. Dann beginnt der Angriff. 99 Prozent Ballbesitz garantieren noch keinen Sieg und auch kein attraktives Spiel.
Zugegeben: Auch mit dieser Art Fußball kann man große Erfolge geiern. Aber er wird deswegen nicht schöner. Und deswegen wäre ein Sieg am Sonntag gegen Australien auch so wichtig. Diskussionen über die so genannten deutschen Tugenden, Gras fressen und Kampf kann ich nicht mehr hören. Ich will keinen “Über-den-Kampf-zum-Spiel-finden-Fussball” mehr. Der FC Barcelona versucht auch, von Woche zu Woche sein Spiel durchzusetzen. Er hat eine Philosophie, in der der Mannschaft und auch der Trainer über dem Spieler streht. Und wenn sie einmal im Halbfinale (oder auch früher) der Champions League ausscheiden oder nicht spanischer Meister werden, wird die Philosophie nicht in Frage gestellt. Und wir können bei allen Arten Fußball nicht davon ausgehen, dass wir jedes Mal das Finale erreichen. Aber wir sollten nicht bei jedem Mal, bei dem wir das Finale nicht erreichen, unseren Fußball ändern.
Das war jetzt fußballerisch ein bisschen ausschweifend. Heute ist wieder Fußball im Golfclub-Restaurant angesagt. Und ich weiss jetzt auch seit gestern, warum bei einer Wiederholung im deutschen Fernsehen oben ab und zu das Wort “Wiederholung” eingeblendet wird. Oder ist das nicht mehr so? Ich schlag´s auf jeden Fall den Südafrikanern vor…
Aus aktuellem sportlichen Anlass ein Sondereintrag:
Große Autoren schreiben immer, wem dieser Bericht gewidmet ist. Also:
Dieser Bericht ist gewidmet Dr. Kurt Mosetter, der mich (wie zuvor Jürgen Klinsmann und Ralf Rangnick und viele andere) mit seiner Myoreflextherapie in Konstanz vor einer Bandscheibenoperation bewahrt hat.
Hier sitze ich und warte auf die Endorphine.
Ich war Joggen.
Sportexperten sprechen vom größten Comeback seit Muhammad Ali. Und wenn schon Ballacks Verletzung Sondersendungen in ARD und ZDF wert waren, wird mein Joggen in Deutschland wohl das Fernsehprogramm komplett umschmeissen. Keine Tagesschau, kein DSDS, kein Sport-Studio.
Um 15 Uhr wollte ich starten. Da aber mein sportlicher Berater, Bundestrainer Löw, sagt, dass die Fettverbrennung erst nach 30 Minuten einsetzt, bin ich erst 15.30 Uhr losgelaufen. Bin doch kein Anfänger.:-)
Los auf dem Golfplatz. Ich schaue und bin froh, dass es hier weder Lemberg (für Ludwigsburger) noch Eiberg (für Calmbacher) gibt. Kein Rotenacker Wäldle und kein Kleinenztal, wo es immer irgendwie aufwärts geht. Und (für Insider): Kein Kling dabei mit der Stoppuhr und dem Rekordbüchle.
Auf dem Golfplatz stehen 800 Häuser – die ersten habe ich noch in voller Eleganz gesehen. Leute, ich sage euch: Dagegen ist (Entschuldigung an alle Münchner) Bogenhausen bzw. Grunwald oder (Entschuldigung Berliner) Grunewald bzw. Dahlem eine Plattensiedlung. Da stehen Villen – dagegen ist selbst Hollywood eine Arme-Leute-Ansammlung. Werde morgen mal fragen, wie viel so ein Ding kostet. Keine Angst, ich komme zurück. Aber es interessiert mich halt.
Mit zunehmender Dauer geht beim Joggen der Kopf runter – im Unterzuckerbereich sieht man die Villen nicht mehr so richtig. Bzw. sie interessieren nicht mehr so. Aber ich lerne: Auch auf dem Golfplatz gibt es Steigungen…
Wichtig ist mir das Urteil des Bundestrainers. Er sagt: So wie du in Form bist – nimm beim nächsten Mal einen Personalausweis mit. Falls die Grenze nach Namibia kommt.
Die Message zurück an Jogi: Ich bin fit. Zumindest für eine Position, in der man denkt und lenkt. Wir müssten halt einen Antrag an die Fifa stellen. Denn ich bräuchte mindestens zwölf Wasserträger.
Aber alles hat geklappt. 40 Minuten unterwegs – davon also zehn Minuten im Fettverbrennungsbereich. Es ist zwar auch mit den neuen Schuhe anstrengend – aber ein Werbevertrag mit Adidas ist nicht mehr ausgeschlossen. Jetzt bin ich noch mit Margaretes Waage im Dialog. Seit ich hier bin, zeigt sie das gleiche Gewicht, wenn ich drauf stehe. Egal wann, egal wie. Irgendwie toll: Die Hose kriege ich mit Margaretes Verpflegung zwar nicht mehr zu – aber das Gewicht ist noch das Gleiche. Ob da was nicht ganz stimmt?
Bis dahin: Danke Kurt. Nur das mit den Endorphinen – das klappt noch nicht so ganz.
Wer redet noch über Frings, Kuranyi, Ballack? Zehn Stunden noch bis zum ersten Spiel der deutschen Mannschaft – und was man wochenlang geübt, monatelang durchgespielt und jahrelang geplant hat, soll heute ab 20.30 Uhr in Durban im Spiel gegen Australien umgesetzt werden.
Auf die Spieler kommen heute in der unmittelbaren Vorbereitung auf das Spiel gänzlich ungewohnte Dinge zu. In der Bundesliga machen die Mannschaften, was sie wollen bzw. was der Trainer will. Busabfahrt, Ankunft im Stadion, Zeit zum Warmlaufen usw. – alles legt der Trainer fest in einem Spannungsbogen, der vom Frühstück bis zum Anpfiff führt. Beim DFB-Pokalendspiel 1997 (so alt bin ich schon) haben wir für den damaligen VfB-Trainer Joachim Löw ein Video produziert, in dem nur VfB-Jubelszenen vorkamen. Autocorso, Feier auf dem Marktplatz usw. Das war ziemlich genau abgestimmt auf die Fahrtzeit ins Stadion und lief auf dem Weg zum Spiel im Mannschaftsbus. Mit den besten Szenen kurz vor Ankunft im Stadion und deshalb wurde damals die Zeit in der Kabine auch ziemlich kurz gehalten. Hier bei einer WM ist alles vorgegeben. Auch die Zeit zum Warmlaufen. Und wenn ein Spieler früher raus will, weil für ihn die Atmosphäre ein Teil der Vorbereitung ist, hat er eben Pech gehabt. Man muss natürlich auch zur vorgegebenen Zeit wieder rein in die Kabine. Die Vorgaben sind so klar, dass bei der letzten EM extra jemand aufgepasst hat, dass an der Trainerbank immer nur ein Trainer aufsteht. Stand Löw auf, musste Flick sitzen. Und umgekehrt. Warum? Ich weiss es nicht.
Kein Mensch weiß auch, wie die junge deutsche Mannschaft heute abend auf besondere Gegebenheiten reagiert. Die Minuten vor dem Spielbeginn sind ausgesprochen sensibel. Menschen sind keine Maschinen – völlig unabhängig vom Gehalt, das sie beziehen. Den letzten Beweis lieferte am Samstag Englands Torhüter. Auch die Engländer hatten sich gut vorbereitet…
Journalisten haben es nicht immer leicht. Dafür steht der Tagesplan meines Männer-WG-Mitbewohners Markus Gilliar, Sprecher der deutschen Sportfotografen aus Liedolsheim bei Karlsruhe. Wie die anderen mitreisenden Journalisten ist er heute um 5 Uhr aufgestanden. 5.30 Uhr stand Andrew vor der Tür, unser Fahrer, hat ihn für 30 Euro zum Flughafen nach Johannesburg gebracht. 6 Uhr Ankunft. 7 Uhr Abflug im Charter mit 70 deutschen Journalisten nach Durban (es gab keine spätere Flugberechtigung). 8.15 Uhr Ankunft in Durban, Fahrt in die Stadt, Medienzentrum, Zeitvertreib bis zum Abend, immer die schwere Fotoausrüstung dabei. U. a. ca. zwei Stunden anstehen für Fototickets. Es gibt im Stadion ca. 100 Fotografenplätze – aber insgesamt sind ca. 400 Fotografen für die WM akkreditiert. Logisch, dass nicht alle auf einmal ins Stadion kommen können. Neben der Akkreditierung braucht man also auch ein Match-Ticket. Da wiederum gibt es bei Journalisten und Fotografen Prioritätenlisten. Bei den Fotografen stehen oben die Akkreditierten aus den Ländern der beiden beteiligten Mannschaften, Fotografen aus Südafrika, Fotografen aus Fußball- und Mediennationen usw. usw. Bei 100 ist Schluss. Wichtig ist auch: Wer kriegt die besten Plätze auf der Gegengerade oder neben dem Tor – wer sitzt nur am Rand? Eine Zeit lang wurden die 100 Fotografen am Eingang aufgestellt – und dann losgelassen. Das Wettrennen war ein wesentlicher Programmpunkt der Zuschauerunterhaltung vor dem Spiel.
Heute gibt es unterschiedliche Vorgehensweise – die Fotografenplätze sind nummeriert. Die wichtigsten Fotografen (Prioritätenliste) machen die besten 40 Plätze unter sich aus. Wer zuerst ins Medienzentrum kommt, darf sich innerhalb der 40 Plätze einen aussuchen. usw. usw.
Dieser Beruf hat sich wesentlich weiterentwickelt. Früher hat beispielsweise der legendäre Erich Baumann aus Ludwigsburg im Badezimmer seines Hotels die Türen und Fenster abgeklebt und verdunkelt zum Entwickeln. Heute hat jeder einen Stuhl am Spielfeldrand und es werden laufend vom Spiel Fotos vom Laptop Fotos gesendet. Senden, nebenher weiter fotografieren – schnelle Fotos – aber auch schöne Fotos – der Puls der Fotografen ist nicht niedriger als der von Arne Friedrich.
Nach dem Spiel heute bietet das Journalistenprogramm: Im Medienzentrum Bilder bearbeiten, noch einmal verschicken. Dann zum Flughafen. Die Mannschaft fliegt um 1 Uhr in der Nacht zurück – aber aufgrund des Nervenstresses können Spieler in der Nacht nach solchen Spielen eh nicht vor dem Morgengrauen einschlafen. Der Journalistentross fliegt kurz vor 2. Nach 3 Uhr steht dann Andrew wieder in Johannesburg am Flughafen und fährt die 30 Minuten nach Centurion. Vor vier im Bett – nach fast 24 Stunden – und morgen geht es weiter. Also: 1000 Gründe, das ich mir dieses Spiel hier in Centurion im Fernsehen anschaue.
Wir sind ja nicht zum Spaß hier. Zum Fernsehen: Bei RTL gibt es für Jürgen Klinsmann Verbesserungspotenzial, er soll stärker eingebunden werden. Aber es ist nach der ersten Sendung eine besondere Auszeichnung, wenn man sagt: Er sollte mehr sagen. Das Gegenteil wäre schlechter. Am Sonntag war der ehemalige Bundestrainer in Kapstadt für die BBC im Einsatz. Die haben auf alle Fälle das schönste Studio. Auf der Dachterasse eines Krankenhauses in Kapstadt, Schaut man links, ist der Tafelberg, schaut man rechts, sieht man das Meer – und schaut man geradeaus, blickt man ins Stadion.
Heute wird es aber richtig ernst, das Vorgeplänkel ist zu Ende. Und wenn man Joachim Löw fragt, ob er eigentlich gar nicht nervös ist, sagt er: “Wenn wir schon vor dem Spiel gegen Australien nervös sind – was machen wir dann erst in der K. o.-Runde?” Der Bundestrainer strahlt eine Souveränität aus – und das ist wichtig für die jungen Spieler. Denn die Glaubwürdigkeit ist das höchste Gut, das ein Trainer haben kann. Er kann in der Mannschaftssitzung heute nachmittag nicht sagen: “Wir schaffen das heute, wir greifen an, wir gewinnen” – wenn ihm der Angstschweiß auf der Stirn steht.
Nichts könnte die vollzogene Wende des deutschen Fußballs besser verdeutlichen. Noch vor einigen Jahren hätte man in der Vorbereitung gesagt: “Mit diesen Verletzungen – das wird ganz schwer.” Oder: “So viele Spieler so spät in der Vorbereitung erst bei der Mannschaft – das wird ganz schwer.” Jetzt aber gehen die Protagonisten ran und sagen: “Wir haben Vertrauen in diese Mannschaft – wir spielen offensiv und wollen gewinnen.”
Hoffen wir, dass es gut geht. Denn bei allem Talent, bei aller Tendenz und bei aller Entwicklungsfähigkeit: Die letzte Wahrheit ist auf dem Platz.
P.S.: Wer eine neutrale Bewertung der Vorbereitung und einen neutralen Situationsbericht der deutschen Mannschaft lesen will, dem empfehle ich heute: FAZ am Sonntag. Hier geht’s zu Artikel.
Die wahren Geschichten schreibt immer das richtige Leben. Viele so genannte Experten wollten Lukas Podolski und vor allem Miroslav Klose daheim lassen, als es um die Nominierung für die Weltmeisterschaft in Südafrika ging. Bundestrainer Joachim Löw musste viel Kritik einstecken für diese angebliche Nibelungentreue. Jetzt sorgten diese beiden beim Auftaktspiel der deutschen Mannschaft mit ihren Toren vor der Halbzeit dafür, dass die Mannschaft gegen Australien beim 4:0-Sieg für Deutschland die richtige Spur fand.
Feuerwerke werden bei Weltmeisterschaften normalerweise nur bei Eröffnungsfeiern oder Siegerehrungen abgebrannt. Aber die Mannschaft von Trainer Joachim Löw zeigte beim ersten Spiel einiges, was „feuerwerk-ähnlich“ zu bezeichnen ist. Die Mannschaft knüpfe nahtlos an die letzten Testspiele an mit herrlichen Kombinationen, Doppelpässen und Alleingängen. Insbesondere Mesut Özil ließ seine Klasse aufblitzen. Die Mannschaft betrieb nicht nur Werbung in eigener Sache – sie betrieb auch Werbung für den deutschen Fußball und den Bundestrainer.
Natürlich wird man jetzt wieder welche finden, die sagen, dass die Australier kein Gradmesser waren. Und dass vor allem der Platzverweis für die Australier den Deutschen entgegen kam. Aber beim Platzverweis war das Spiel entschieden und vor allem: Mit dieser jungen Mannschaft ein erstes WM-Spiel so sicher und stark zu bestreiten – das zeigt Klasse und auch Selbstbewusstsein. Wichtig neben den Toren: Die Mannschaft spielte genau den Fußball, den der Trainer sehen will. Technisch hochstehend, attraktiv, schnell und ballsicher.
Sieben Spiele gab es bisher bei dieser Weltmeisterschaft – und sechs waren sehr zäh, ausgeglichen – nie fielen mehr als zwei Tore pro Spiel. Hatte ein Team die Führung erzielt, schaltete es zurück und verteidigte. Ganz anders die deutsche Mannschaft. Die zwei Tore, die bisher immer fielen, hatte Löws Team schon in der Halbzeit erzielt. Nach einer Schrecksekunde und einer großen Chance für Australien in der Anfangsphase drehte diese junge Mannschaft auf und zeigte eine Spielfreude, wie man sie von früheren deutschen Nationalteams nicht gesehen hat.
Podolski gelang die frühe Führung, Klose erhöhte auf 2:0. Nach dem Wechsel erzielte Müller das 3:0 und der eingewechselte Cacau sorgte für das 4:0. Nach den Auswechslungen gab es einen leichten Bruch im deutschen Spiel, aber ganz ehrlich: zu kritisieren gibt es nur eins: Die Chancenverwertung ist verbesserungsfähig.
Der Anfang ist gemacht. Es waren zwar nur 90 Minuten und es war lediglich das erste Spiel einer Weltmeisterschaft – aber es war auch der endgültige Vollzug eines so genannten Paradigmenwechsels. Sechs Jahre hat die Wende im deutschen Fußball gedauert. Ich bin der Überzeugung: Sie ist seit diesem wunderschönen Sonntagabend in Durban vollbracht.
Lassen wir ein ausländisches Medium sprechen – die sind allemal neutraler als ich. Der Telegraph, eine seriöse Zeitung in England, schrieb heute: Es ist die Zeit gekommen, an der wir uns von der deutschen Fußballgeschichte, wie wir sie kennen, verabschieden müssen. Also sinngemäß: Die teutonischen Panzer fahren nicht mehr auf.
Erinnern Sie sich noch an die Fußball-WM in Südkorea/Japan? Als klassisches Beispiel? Zugegeben: Deutschland erreichte das Finale und wurde Zweiter. Ein Super-Ergebnis. Aber ganz ehrlich: Hatten Sie Ihre Freude daran? Deutsche Abwehr aus Titan gegen den Rest der Welt? Und verbunden mit dem lieben Gott zum Beispiel in der Begegnung gegen die USA? Natürlich gehört die Abwehr auch zum Fußball. Aber sollte Fußball nicht mehr sein? Lebensfreude, Lebenskultur, Begeisterung, Unterhaltung?
Wer von uns denkt noch an die Ramelows, Wörns´, Jeremies, Linkes, die rund um die Jahrtausendwende für Deutschland gespielt haben? Und vorne Jancker? Das ist kein persönlicher Vorwurf an diese Spieler. Aber sie spielten immer so, wie die Trikots der deutschen Mannschaft aussahen – relativ farblos. Quer, zurück – ohne Inspiration. Und insgeheim, ganz insgeheim, haben wir doch etwas neidisch auf spielerisch starke Teams geschaut, die Leichtigkeit der Holländer bewundert, oder? Gut, sie haben nicht viele Titel gewonnen. Aber für die geringe Größe ihres Landes waren sie doch sehr erfolgreich. Und wir haben doch immer gedacht: Eine Mischung dieser Spielweisen müsste doch möglich sein.
Jetzt haben wir diese Mischung aus Verteidigung und Angriff. Auch wenn dies noch lange keine Garantie ist für den Erfolg. Aber es macht Spaß, dieses Spiel zu sehen.
Woher diese Mischung kommt? Zunächst einmal sind diese Spieler einfach besser ausgebildet in den Vereinen. Und sie heißen nicht mehr nur Müller oder Lahm, sondern auch Özil, Khedira oder Cacau. Das heißt: Wir haben eine Mischung der Mentalitäten – auch verschiedener Kulturen – die auf dem Spielfeld offen zutage tritt. Und wir haben junge Leute, die sich unspektakulär 8.000 km von daheim entfernt so präsentieren, wie die Altersgenossen zuhause: Sie wollen Spaß haben an der Sache. Nur in einem solchen Klima ist Kreativität und Leistung möglich.
Und wir haben einen Bundestrainer, der sich was traut, der sich unabhängig gibt und der sich nicht nur am Ergebnis messen lässt, sondern auch an der Entwicklung des Fußballs. Was hat er Prügel einstecken müssen im vergangenen halben Jahr. Hat man jetzt gesehen, dass Frings oder Kuranyi, zweifelsohne gute Spieler mit internationaler Klasse, in diese Art des Spiels nicht so richtig passen? Merkt man jetzt, dass der Trainer die 23 Spieler nicht ausgewürfelt hat, sondern ein klares System hat, eine Idee, eine Philosophie, eine fußballerische Linie. Und klare Vorstellungen.
Sein größter Vorteil: Er jammert nicht. Er ist so, wie die Mannschaft spielt: Offensiv, mit Spaß, mit Freude. Er hat nur die Auswahl an etwas mehr als 60 deutschen Feldspielern – mehr stellt ihm die Bundesliga nicht zur Verfügung. Durchschnittlich sind ca. 120 Feldspieler bei den Bundesligaspielen nicht für die deutsche Nationalmannschaft spielberechtigt, weil sie Ausländer sind. Aber er jammert nicht. Er jammert auch nicht, wenn sich Ballack verletzt. Oder Westermann. Oder Rolfes. Oder Adler. Oder Träsch.
Früher hätten die Bundestrainer nach einem solchen Spiel gesagt: „Jetzt wird es gegen Serbien noch schwerer.“ Oder: „Ich ärgere mich über die gelbe Karte für Özil.“ Nein. Wir freuen uns, was ganz normal ist, weil man sich für einen Sieg auch freuen soll – und dann geht es ganz normal weiter. Vorbereitung auf Serbien.
Vielleicht sind diese Ausführungen hier etwas zu grundsätzlich. Aber diese Generation will nicht mehr über den Kampf zum Spiel finden. Gras fressen. Ergebnis verwalten. Fußball ist mehr. Fußball vermittelt in diesem Falle wirklich auch Lebensfreude und Kreativität. Und jetzt müssen wir nur noch lernen, dass wir mit dieser Art Fußball auch mal verlieren können und verlieren werden.
Denn bei aller Euphorie und bei aller Zuversicht: Es wird der Tag kommen, an dem die Bedenkenträger sagen: Wir haben es gleich gewusst. Bis dahin sollten wir die Sache genießen…
Fast zehn Tage bin ich jetzt in Südafrika. Da ist es Zeit, eine erste Zwischenbilanz zu ziehen.
Die Sicherheit:
Jetzt wurde der erste deutsche Journalist überfallen. Nachts an der Tankstelle. Wir haben noch keinen einzigen auch nur annähernd bedrohlichen Moment empfunden. Gott sei Dank. Allerdings sind wir auch perfekt vorbereitet. Das Auto wird immer tagsüber aufgetankt zum Beispiel. Markus Gilliar, der Fotograf, hat in seinem tom-tom-Navigationssystem schon zuhause alle Ziele eingegeben. Große Fahrten machen wir immer mit Andrew, unserem Fahrer.
Die Arbeit:
Nichts ist mehr vergleichbar mit früher. Schon 1986 war ich in Mexiko bei der Weltmeisterschaft und man arbeitete quasi ins Leere, weil man nie wusste, wie die Stimmung zuhause ist. Inzwischen erfährt man alles – live. Ich brauche nicht einmal mehr unbedingt täglich zur DFB-Pressekonferenz fahren. Sie wird auch im Internet unter www.dfb.de übetragen. Margarete, unsere Vermieterin, hat sogar in unserem Wohnzimmer ARD und ZDF installieren lassen. Für 150 Euro im Monat. Aufgrund der Rechtesituation (hier darf nur das südafrikanische Fernsehen Spiele übertragen) kommen allerdings nur die Interviews vor und nach den Spielen. Während des Spiels bleibt der Bildschirm bei ARD und ZDF dunkel, die deutschen Kommentare bleiben mir erspart. Unglücklich bin ich darüber nicht unbedingt.
Das Leben:
Im Golf Club ist man ziemlich abgeschirmt. Wir leben innerhalb großer Mauern mit Elektrozaun. Auf dem riesigen Gelände stehen 800 Häuser, ein Golfplatz mit See, ein Golfrestaurant, Tennisplätze – alles ist da und alles ist unvorstellbar schön. Gegen die Villen ist München-Bogenhausen fast eine Plattenbausiedlung. Unterschiedlich sind auch die Preise: Eine Villa der mittleren Preisklasse kostet hier nur rund 600.000 Euro. P.S.: Was kosten im Grunewald in Berlin eigentlich die Garagen?
Unsere Männer-WG:
Ein Traum. Zwei Badener, ein Schwabe und zwei Japaner. Den Japanern fühlt man sich ganz nah – selbst mit den Badenern geht es. Nein, im Ernst: Nichts könnte besser laufen. Margarete (mit deutschen Vorfahren) macht das Frühstück, dann sind alle mehr oder weniger lange unterwegs. Vor allem die Fotografen haben echt einen harten Job. Tagesablauf gestern für die zwei Japaner und Fotograf Tobias: 7 Uhr abholen durch den Fahrer. Fünf Stunden Fahrt nach Bloemfontein zum Spiel Japan gegen Kamerun. Anstehen für Match-Tickets für Fotografen. 16 Uhr: Spielbeginn. Anschließend Bilder übermitteln. 20 Uhr Beginn Rückfahrt. Unterwegs Autobahn gesperrt wegen Unfall. Umleitung. Sieben Stunden Fahrt. 3 Uhr Rückkehr. 9 Uhr beim Frühstück. Fotos bearbeiten – und dann geht es weiter nach Johannesburg zum Spiel Brasilien gegen Nordkorea.
Jogi Löw:
Wahnsinn. Immer cool, immer relaxt. Und vor allem: Absolut begeistert vom fussballerischen Niveau der Mannschaft. Bei jedem Training. Da geht dem Trainer das Herz auf. Es ist dem Trainerteam gelungen, dass man sich im Hotel Velmore und drumrum das Allerwichtigste in den Mittelpunkt gestellt hat: den Fußball. Das Training und die Spiele. Nebensächlichkeiten wurden komplett ausgeblendet. Natürlich ist das Hotel Velmore besser abgeschirmt als die englischen Kronjuwelen – aber das geht heutzutage, wenn Journalisten Hubschrauber mieten, um von oben zu filmen und zu fotografieren, nicht anders.
Die Rangliste der schönsten Momente:
1. Das Spiel Deutschland – Australien (wenn man sieht, dass alles klappt, was geplant wurde)
2. Der Stolz der Südafrikaner (kein Nationalstolz)
3. Die Männer-WG (inzwischen sogar mit japanischer Flagge)
4. Frühstück bei Margarete (ohne Worte)
4. Das Essen im Kung Fu-Kitchen (chinesischer Schnellimbiss. Vor dem Spiel gegen Australien. Besser als erwartet)
5. Der Blick auf die Zugriffszahlen von www.fussballist.de. Hätte nie gedacht, dass sich so viele Menschen für einen Fußballblog interessieren
6. Andreas Müller in SWR 3, vor dem Spiel gegen Bosnien-Herzegowina. Aus der Mannschaftssitzung, Spieler zu Jogi: „Trainer, gegen wen spielen wir zuerst: Bosnien oder Herzegowina?“
7. Das Schild in der Nähe des Mannschaftsquartiers (die Straße ist nicht fertiggeworden…)
Auf was ich verzichten könnte:
1. Die Vuvuzuela-Diskussion (lasst den Afrikanern doch ihre Gewohnheiten)
2. Viele zweitklassige Spiele im Fernsehen (viel langweiliger und eintöniger als jede Vuvuzuela)
3. Die ganzen Diskussionen vor einer WM (während der WM spricht eh kein Mensch mehr davon)
Und da war er wieder, dieser Geschmack. Scheibletten. Eindeutig Scheibletten. Von Kraft. Die gab´s früher in Calmbach (Nordschwarzwald), wo ich aufgewachsen bin, beim IFA, bei Hermann Pross oder wie man dort sagt: Proße Hermann (man sagt hier immer kurioserweise erst den Nachnamen und dann den Vornamen) – jetzt aber sitze ich in Pretoria im „Ciao“, einem italienischen Restaurant der besseren Sorte – und die Scheibletten werden hier unter dem Namen Caprese verkauft. Aber ganz ehrlich: für 3,10 Euro kann man auch keine frische Büffelmozarella aus Kampanien erwarten.
Aber meine Kindheit ist mit den Scheibletten auch definitiv aufge- und verarbeitet.
Manchmal geht es ganz schnell im Leben. Gestern berichtete ich, dass eine Villa hier nur 600.000 Euro kostet. Und das ist wirklich eine Super-Villa. Inzwischen weiß ich aber, warum sie so billig sind. Zumindest teilweise. Es wurde an elementaren Dingen gespart: An Isolierung und an Heizung zum Beispiel. Dafür kann im südafrikanischen Winter am Kühlschrank gespart werden. In der Nähe der breiten Fensterfront bleibt alles kühl. Unfassbar: Am Montag hatte ich noch die kurzen Hosen an – einen Tag später die Handschuhe (vergebens) gesucht. Von Montag auf Dienstag Temperatursturz von 15 Grad. Und heute am Mittwoch morgen wurde ich nicht wie sonst geweckt durch den Abschlag von Golfspielern an Loch 11, keine 15 Meter von unserer Terrasse entfernt, sondern durch das Geräusch, das beim Freikratzen von Autoscheiben entsteht…
Es ist richtig ungemütlich geworden im südafrikanischen Winter. Die deutschen Journalisten frieren im Pressezentrum, sind auf der Suche nach dicken Jacken, aber richtig ungemütlich ist es in den Stadien. Alle meine vier Mitbewohner waren am Dienstagabend beim Spiel Brasilien gegen Nordkorea. Und das Klima dort war noch frostiger als das politische Klima in Nordkorea. Minus drei Grad im Stadion, durch den Wind gefühlte minus 15 Grad. Der Hilferuf kam schon vor Anpfiff: Margarete soll die Heizung anstellen. Aber man kann drehen wie man will: Richtig warm wird es nicht.
Wie oft hört man dieser Tage, dass WM-Teilnehmer Nordkorea noch nie zu Freundschaftsspielen im Westen war – umso größer ist der Coup zu bewerten, dass die U19 Nordkoreas vor fünf Jahren am Mercedes Junior Cup im Sindelfinger Glaspalast mitgespielt hat. Ich wollte gestern noch nachschauen, wie viele aus der damaligen U19 dabei sind – habe dann aber aufgegeben, weil in Nordkorea alle irgendwie gleich heißen…
Aber es sind ja auch so genügend ehemalige Junior Cup Teilnehmer: Neuer, Özil, Khedira, Tasci, Gomez, dazu Sagna (Frankreich, damals Auxerre), Derdiyok (Schweiz, damals Basel), Südafrikas Torhüter Khune, Pienaar (Südafrika, damals U19 Südafrika). Und nicht vergessen: Der Mann mit dem spektakulärsten Job des Turniers, war gleich zwei Mal in Sindelfingen: Carlos Dunga, Brasiliens Nationaltrainer, war das erste Mal als Coach tätig, als er die Stadtauswahl von Porto Allegre trainierte. Und versprochen: Die nächsten Tage werde ich mich durch die Teams von Japan, Nordkorea, Schweiz und auch Kamerun kämpfen.
Erst aber gehen wir heute mal auf Safari. Löwe statt Löw. Ich werde berichten.
Ist schon einmal einer bei Minusgraden mit dem Motorrad gefahren? Ohne Helm, nur mit Jeans? Wenn der eiskalte Wind um die Ohren pfeift, durch den Schal und sich jede Angriffsfläche sucht. So ist es bei einer Safari im Winter in Südafrika – zumindest in unserer Region. Es ist kurz vor 18 Uhr, es ist schon ziemlich dunkel – aber die Dunkelheit ist eigentlich in diesem Moment das kleinste Problem. Denn das nächste Tier, das um die Ecke kommen MUSS, ist hundertprozentig weiß und leicht erkennbar – es kann kein anderes Lebewesen als ein Eisbär sein…
Wir sind im Pilanesberg Park in Südafrika. Mehr als 550 Quadratkilometer groß, mehr als 6.000 Tiere leben hier, nur maximal zwei Stunden von Pretoria entfernt. Natürlich auch die Big five, das Ziel eines jeden Besuchers einer solchen Tour: Elefant, Löwe, Nashorn, Leopard, afrikanischer Büffel – die fünf großen Säugetiergruppen.
Wir sehen: Elefant (einer steht einfach eine halbe Stunde direkt neben der Straße und keiner traut sich vorbeizufahren), Löwe und Nashorn. Drei von fünf – keine schlechte Quote. Besser als ein unentschieden… Leopard und Büffel treffen wir nicht an. Zwei Möglichkeiten gibt es: Entweder ist es ihnen zu kalt – was ich verstehen könnte. Oder sie haben mittwochs ihren freien Nachmittag. Früher hatten die Geschäfte ja auch Mittwochnachmittags geschlossen…
Vor diesem „game drive“, wie die Südafrikaner zu einer solchen Tour auf offenen Autos durch den Park sagen, waren wir in Sun City, dem Las Vegas von Südafrika, das nicht weit vom Parkeingang liegt. Wahnsinnshotels, Spielcasinos, Vergnügungszentren, Parks. Wir machen eine Führung im „Palace“, dem Vorzeigehotel und schauen auch eine Suite an. Der Preis? Schlappe 6.500 Euro. Aber nicht für einen Monat oder eine Woche sondern pro Nacht. Bei meinem derzeitigen Arbeitsumfang wäre dies pro Stunde fast 1.000 Euro – viel mehr als sechs, sieben Stunden Schlaf hat man nicht bei einer WM. Andere Vergleiche sind noch beeindruckender: Eine Bedienung hier hat eine Sieben-Tage-Woche und verdient pro Woche 50 Euro. Das heißt: Sie müsste – wenn sie alles Geld spart – 130 Wochen, also zweieinhalb Jahre arbeiten, um sich eine Nacht leisten zu können. Ohne einen einzigen freien Tag.
Du denkst natürlich sofort: Könnte man nicht für 200 Euro pro Nacht schlafen (was ja auch für eine angenehme Nachtruhe sorgen würde) und die restlichen 6.300 Euro nehmen und damit ein paar Kilometer weiter in Südafrika dort helfen, wo es wirklich nötig ist? Auf der anderen Seite: In Sun City finden tausende Menschen Arbeit und werden entlohnt. Und wenn es nur mit 50 Euro pro Woche ist…
Auf dem Heimweg gucken wir abends das Spiel der Südafrikaner gegen Uruguay in der DFB-Lounge in Pretoria. Gemeinsam mit Rainer Dinkelacker, Torwarttrainer von Kaizer Chiefs Johannesburg – das ist das Bayern München von Südafrika. Dort spielt auch Itumeleng Khune, Torhüter der südafrikanischen Nationalmannschaft. Nach der Roten Karte gegen Khune ist das Klima mit einem Schlag noch frostiger als im Pilanesberg Park. Und Rainer Dinkelacker hat in seinen Bewegungen eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Elefanten nachmittags. Jeder Mediziner würde diagnostizieren: Schockstarre.
Auf dem Heimweg spürt man es auf den Straßen von Pretoria die melancholische Stimmung: Für „Bafana Bafana“ dürfte die WM beendet sein.
Überraschung am nächsten Morgen: In unserer Männer-WG ist in der Dusche in meinem Zimmer das Wasser eingefroren. Margarete sieht´s gelöst: Die Sonne kommt halt erst etwas später über diesen Teil des Hauses. Die eingefrorene Dusche wird es in der Suite im Palace in Sun City wohl nicht geben. Aber ganz ehrlich: Sonst ist hier alles besser. Alles.
Noch immer gibt es fast stündlich Überraschungen. Die deutsche Mannschaft wollte am Donnerstag am Vormittag nach Port Elizabeth fliegen, weil sie dort am Freitag um 13.30 Uhr gegen Serbien spielt und der Ablauf ja immer wieder gleich ist: Flug, Abschlusstraining im Stadion, Essen, schlafen, spielen. Aber dieses Mal ist alles anders: Wegen starker Regenfälle in Port Elizabeth (hier bei uns hat es seit zwölf Tagen keinen Tropfen Niederschlag gegeben) kann man im Stadion nicht trainieren. Also umgeplant: Abschlusstraining hier in Atteridgeville – und Flug erst am Abend nach Port Elizabeth. Das sollte aber die spielerische Leistung nicht einschränken…
„Diese Mannschaft hat großes Potenzial“, sagte Bundestrainer Joachim Löw vor der Weltmeisterschaft immer wieder, „aber es kann sein, dass wir in Südafrika in Situationen kommen, an denen wir nicht wissen, wie sie reagiert. Sachen, die man nicht trainieren kann.“ Schon im zweiten Spiel war es soweit. Fast eine Stunde musste Deutschland im zweiten Gruppenspiel gegen Serbien nach der gelb-roten Karte gegen Miro Klose in Unterzahl spielen gegen eine ausgesprochen clevere Mannschaft. Die DFB-Auswahl vergab gleich mehrere Großchancen – unter anderem einen Elfmeter. Das war dann zuviel an Rückschlägen. Die deutsche Mannschaft verlor das zweite Spiel der WM gegen Serbien mit 0:1.
Positiv denkende Menschen ziehen sofort die Vergleiche heran: Hat Deutschland nicht bei der Weltmeisterschaft 1974 im eigenen Land gegen die damalige DDR mit 0:1 verloren – und wurde dann Weltmeister? Hat Deutschland nicht bei der Europameisterschaft 2008 in der Schweiz und in Österreich das zweite Spiel gegen Kroatien verloren – und hat dann das Finale erreicht?
Natürlich war dies ein ganz anderes Spiel als die Partie gegen Australien. Dieses Mal traf Deutschland auf eine Mannschaft deren Achse von Spielern gebildet wird, die beim Champions League Sieger Inter Mailand oder Manchester United spielen. Und es ist auch klar, dass man sich schwerer tut, gegen diese Mannschaft zu kombinieren, weil diese Mannschaft nahezu perfekt verteidigt. Aber es war beileibe nicht die spielerische Leistung des deutschen Teams, die an diesem Tag den Ausschlag gab, sondern es waren einige wenige Schlüsselszenen.
Die gelb-rote Karte für Klose natürlich vorneweg. Das Spiel war nicht hart und schon gar nicht brutal. Und trotzdem tat der Schiedsrichter relativ schnell das, was nicht seine Aufgabe ist. Er stellte sich in den Mittelpunkt. Er fuchtelte von Anfang wie die Flugzeugeinweiser auf dem Frankfurter Airport und kamen sich zwei Spieler näher als zehn Zentimeter, nestelte er schon an seinem Shirt und zog meistens die gelbe Karte. Trotz allem sollte Miro Kliose, wenn er schon eine Gelbe Karte hat, an der Mittellinie nicht grätschen. Denn da spielt es dann keine Rolle mehr, dass die erste gelbe Karte eine vollkommene Fehlentscheidung war.
Die anderen Schlüsselzenen sind auch schnell erklärt: Ein Lattenschuss von Khedira, drei vergebene Großchancen von Podolski und dazu noch ein verschossener Elfmeter – ebenfalls von Podolski. Es war, als hätte sich an diesem Tage alles gegen das deutsche Team verschworen.
Jetzt aber ist für einige Stunden erst mal moralische Aufbauarbeit zu leisten. Die Mannschaft, die noch nach dem Spiel zurückflog, hat eigentlich alles gegeben. Man kann nicht sagen, dass es kein Aufbäumen gegeben hätte oder dass einzelne Spieler versagt hätten. Badstuber war überfordert gegen die starke serbische rechte Angriffsseite – aber man ließ ihn dort einfach auch zu oft alleine, ohne Absicherung.
Man wird bis zum Mittwoch daran arbeiten, dass gegen Ghana wieder eine Mannschaft auf dem Feld steht, die spielerische Glanzlichter setzt. Aber klar ist: Jetzt ist das Team sogar über mehrere Tage in einer Situation, in der man nicht weiß, wie sie auf diese neuen Anforderungen reagiert…
The day after. Heute morgen bin ich schweissgebadet aufgewacht nach einem ganz bösen Traum: Ich habe diesesmal geträumt, Deutschland hätte gegen Serbien 0:1 verloren…
Das war echt ein Alptraum. Aber mal ganz unter uns: War unsere Mannschaft soooo schlecht? Natürlich gibt es im Fußball keine B-Note für den künstlerischen Wert und am Ende entscheidet das Ergebnis. Aber warum werden bei uns nie die Begleitumstände berücksichtigt? Der Gegner? Die Umstände? Die Möglichkeiten der eigenen Mannschaft?
So wie die Leistung gegen Australien positiv überbewertet wurde, wird doch das Spiel gegen Serbien in der negativen Bewertung völlig überzeichnet.
Meine Sicht der Dinge: Die deutsche Mannschaft hat genau so angefangen wie gegen Australien. Sogar noch konzentrierter, denn Serbien hatte nicht die Großchance, wie sie Australien hatte. Dann in beiden Spielen ein Schuss von Podolski aus identischer Position – gegen Australien war er drin, gegen Serbien knapp links daneben. Es entwickelte sich ein von der Taktik geprägtes Spiel und nach einer halben Stunde denke ich so für mich: Dieses Spiel wird durch die Kondition entschieden. Wir lassen die Serben laufen – und das können sie über 90 Minuten nie durchhalten. Ein Abnützungskampf zeichnet sich ab. Aber in diesem Moment greift der Schiedsrichter ein. Normalerweise halten Schiedsrichter nach außen immer zusammen, aber die versammelte Führungsspitze der deutschen Schiedsrichter hat schon vor dem Spiel gesagt: Alberto Undiano ist ganz schwach. Keine Ausstrahlung, keine Körpersprache, nichts. Unverständlich, dass der bei einer WM pfeift. Und ausgerechnet in diesem Spiel macht er das, was er nicht machen soll: Er rückt sich selbst in den Mittelpunkt. Beim Karten-Gehabe erwischt es Miro Klose – was Klose trotz allem allerdings nicht hätte passieren dürfen.
Aber der deutschen Mannschaft ist ein Vorwurf zu machen, der genau so groß ist: Nach einem Platzverweis in der 39. Minute muss man sich sammeln und schauen, wie man das torlose Unentschieden die sechs Minuten übersteht, in die Halbzeit bringt und sich dort in der Pause neu sortiert. Aber direkt im nächsten Angriff ein Gegentor – das ist fast schon zu viel.
Trotzdem kommt die Mannschaft zurück. Lattenschuss Khedira – es fehlen zwei Zentimeter. Nach der Halbzeit: Drei Mal Podolski frei vor dem Tor. Kein einziger Zufallsangriff dabei – alles schön herausgespielt. Aber immer knapp daneben. Dann der Elfmeter. Auch vergeben. Also lautet mein Fazit: Wer gegen Serbien 51 Minuten in Unterzahl spielt, trotzdem vier klare Torchancen herausspielt und einen Elfmeter vergibt – der braucht sich nicht zu schämen. Drei Ausrufezeichen.
Natürlich bin ich nicht objektiv – aber sind es die Pessimisten?
Die Einwechslungen haben nicht den gewünschten Erfolg gebracht – keine Angst, das weiß auch der Bundestrainer. Aber er sieht jedes Training, er weiß, wann Özil müde wird, er redet in der Halbzeit mit den Spielern, er ist zehn Meter neben dem Geschehen und nicht 800.000, er hat mehr Ahnung vom Fußball als die meisten anderen – aber das Risiko und die Rechnung ist halt dieses mal nicht aufgegangen.
Die Aufarbeitung begann noch auf dem Rückflug und im Hotel Velmore sind in der vergangenen Nacht die Lichter eigentlich nicht ausgegangen. Dem Bundestrainer geht es wie mir: Wir können ein Spiel verlieren – aber nicht den Optimismus. Die Mannschaft ist jung und die Mannschaft ist gut. Und der nächste Gegner Ghana ist in der Defensive nicht so gut organisiert wie Serbien. Mit Vidic, einem der besten Innenverteidiger der Welt (Manchester United), mit Stankovic, einem der erfahrensten defensiven Mittelfeldspieler der Welt (Inter Mailand) und mit anderen Hochkarätern hat Serbien dort eine gute Qualität.
Zu unserer Männer-WG: Das Wasser ist wieder aufgetaut. Gott sei Dank gerade noch rechtzeitig vor dem Wochenende – hätte man früher im Schwäbischen gesagt. Früher, zu einer Zeit, in der im Schwabenland nur samstags gebadet wurde. Fast hätte auch ich eine Postkarte nach Hause geschickt mit dem Text, den früher auch die Schwaben gewählt haben: „Wir haben hier ein Zimmer mit Bad – und freuen uns schon auf Samstag.“
Also Leute, das Wochenende kann kommen. Auch für Akira, meinen japanischen Mitbewohner. Gestern waren wir erst mal einkaufen. Lange Unterhosen für Akira, Handschuhe und eine Windjacke. Für die Fotografen am Spielfeldrand ist es wohl am kältesten in den Stadien. Aber Akira ist jetzt präpariert: „Now I am ready for the north pole“ strahlte er beim Verlassen des Einkaufszentrums, das auch in Sindelfingen stehen könnte.
Akira ist seit 1986 bei jeder WM gewesen, das soocer digest, für das er fotografiert, ist das größte japanische Fußballmagazin. Ich habe ihn fotografiert, als er gemeinsam mit dem Fotografen Tobias Kuberski, auch Teil unserer Männer-WG, Handschuhe anprobiert. Als er sich die langen Unterhosen anprobiert hat, habe ich nicht fotografiert. Das macht man nicht. Auch nicht samstags…
Ist der Fußball wirklich nur bierernst. Gerade in schwierigen Zeiten sollte man sich an die lustigen Seiten erinnern. Deshalb in loser Folge die besten Sprüche aus dem Fußballgeschäft. Hier die ersten 15. Aus aktuellem Anlass fangen wir mit einem Bezug zum Ghana-Spiel an. Meine Favoriten aber sind in dieser Folge: George Best, Richard Rogler und Hans Cieslarczyk.
Marcel Reif (beim Länderspiel Deutschland-Ghana): Die Spieler von Ghana erkennen Sie an den gelben Stutzen.
George Best: Ich habe Millionen für Alkohol, Weiber und schnelle Autos ausgegeben. Den Rest habe ich verprasst.
Bert Papon (der Trainer von Dumfernline auf einer Pressekonferenz nach einer 0:7-Niederlage): Irgendwelche Fragen, bevor ich gehe und mich aufhänge?
Ede Geyer (oder Hans Meyer?) auf die Frage nach seinem Gefühl vor dem Spiel: „Gefühl, Gefühl – ich hatte jedes Mal das Gefühl, einen Sohn gezeugt zu haben. Und wenn ich heimkomme, sitzen drei Mädchen am Tisch.“
Friedel Rausch: Wenn ich den Martin Schneider noch mal aufstelle, glauben die Leute am Ende wirklich noch, ich sei schwul.
Harald Schmidt: Jürgen Klinsmann ist inzwischen 694 Minuten ohne Tor. Das hat vor ihm, glaube ich, nur Sepp Maier geschafft.
Horst Hrubesch: Ich sage nur ein Wort: Vielen Dank.
Aleksandar Ristic: Wenn man ein 0:2 kassiert, dann ist ein 1:1 nicht mehr möglich.
Berti Vogts: Wenn ich übers Wasser laufe, dann sagen meine Kritiker: Guck mal, nicht mal schwimmen kann er.
John Toshack (als Trainer von Real Madrid): Am Montag nehme ich mir vor, zur nächsten Partie zehn Spieler auszuwechseln. Am Dienstag sind es sieben oder acht, am Donnerstag noch vier Spieler. Wenn es dann Samstag wird, stelle ich fest, dass ich doch wieder dieselben elf Scheißkerle einsetzen muss wie in der Vorwoche.
Jörg Dahlmann: Da geht er, ein großer Spieler. Ein Mann wie Steffi Graf.
Max Merkel (über deutsche Funktionäre): Die wissen nicht einmal, dass im Ball Luft ist. Die glauben doch, der springt, weil ein Frosch drin ist.
Andi Möller: Ich bin selbstkritisch – auch mir selbst gegenüber.
Hans Cieslarczyk (Trainer, Stuttgarter Kickers): Ihr Fünf spielt jetzt vier gegen zwei
Richard Rogler: Bei der Fußball-WM habe ich mir Österreich gegen Kamerun angeschaut. Warum? Auf der einen Seite Exoten, fremde Kultur, wilde Riten – und auf der anderen Seite Kamerun!
Selten hat man im Tross den Unterschied zwischen Pessimisten und Optimisten so deutlich gesehen wie jetzt: Die Pessimisten sieht man sorgengeplagt im DFB-Pressezentrum, verschämt stehen sie in der Ecke, holen verschämt Flugpläne für den Heimflug raus und mich fragen sie nur noch: Wenn Deutschland ausscheidet – tritt der Bundestrainer dann zurück? Und was ist mit seinen Werbepartnern? Die Optimisten hingegen fragen, wo man Wäsche waschen lassen kann. Sie stellen sich auf einen längeren Aufenthalt ein.
Manchmal neigen wir in unserem Lande ja schon fast zur Selbstverstümmelung. Haben wir nicht gestern erst gesehen, dass Australien eigentlich gar nicht soooo schlecht ist, wie wir sie nach dem 4:0-Sieg der deutschen Mannschaft gemacht haben.
Gerade lese ich in einer angesehenen Zeitung, dass Joachim Löw nicht zulassen hätte dürfen, dass Podolski den Elfmeter schießt. Was hätte der Bundestrainer tun sollen? Reinrennen und grätschen? Eine Sitzung einberufen und demokratisch abstimmen? Reinschreien? Lauter als Vuvuzuelas? Einen Spieler rüberschicken, der Poldi den Ball wegnimmt – und dann selbst verschießt? Theorie ist schön – Praxis ist anders. Badstuber schuld an der Niederlage? Hätte der Trainer umstellen müssen? Wie viele Gegentore haben wir bekommen? Und lag das Problem nicht an der Chancenverwertung?
Bei unserem Frühstück ist Margarete die Überraschung wieder einmal gelungen. Neben dem Kaffee und den Eiern lag wunderbare Schokolade. Wir hatten erst gedacht, sie will uns aufmuntern, nachdem die Teams, die sie ins Herz geschlossen hat (Südafrika, Deutschland, Japan) alle verlieren. Deutschland 0:1, Japan 0:1 – verheerende Bilanz in der Männer-WG. Und was sagt Margarete: „Vatertag.“ Erklär mal einem Japaner Vatertag – nicht ganz so einfach. Aber am Ende lachen alle und für kurze Zeit drehen sich die Gedanken nicht um Ghana (bei uns) oder um Dänemark (bei Akira und Ohrui).
Aber wir wollen uns nicht von den Pessimisten beeinflussen lassen. Dies ist auch einer der Gründe, dass man die Spieler heute mal von der Medienarbeit zurückgezogen hat. „Silencio stampa“ sagen die Italiener dazu – aber dort ist es meistens, weil man sauer ist über die Berichterstattung. Dies ist hier nicht der Fall – die Spieler lesen kaum Zeitungen.
„Adieu les Bleus?“ Heute reden wir über andere. Noch nie wurde eine europäische Mannschaft Weltmeister bei Titelkämpfen außerhalb Europas. Aber dass England, Frankreich, Spanien, Deutschland und Italien so in Trouble kommen – damit war nun wirklich nicht zu rechnen. Alle Teams benötigen nach meinen Berechnungen einen Sieg im letzten Gruppenspiel, um überhaupt das Achtelfinale zu erreichen. Was würde Berti Vogts sagen: „Es gibt halt keine Kleinen mehr im Fußball.“ Spanien verliert gegen die Schweiz, Deutschland gegen Serbien. England, Italien und Frankreich spielen unentschieden gegen Teams, die man weitaus schwächer eingeschätzt hätte. Daran müssen wir uns alle anscheinend noch gewöhnen. In all den fünf genannten Ländern.
Was mich noch mehr ärgert sind die Schiedsrichter. Ohne Zorn und Eifer und es geht auch nicht um Schuld oder Unschuld. Aber eine Weltmeisterschaft ist kein Kindergeburtstag. Es gibt Leute, die arbeiten jahrelang dafür – und es gibt Spieler, die trainieren monatelang für diesen Moment und was sie wollen, ist eine faire Behandlung. Und dann schießt USA ein Tor gegen Slowenien – und der Schiedsrichter pfeift und keiner weiß warum? Warum gibt es in diesem Moment keine elektronische Hilfe? Bei einer Weltmeisterschaft? Wenn die USA rausfliegt, fehlen Spieler wie Donovan sportliche Erfolgserlebnisse, fliegt vielleicht der Trainer, springen Sponsoren ab – nur weil man bei der Einteilung der Schiedsrichter irgendwelche Proporz- oder sonstige Gründe berücksichtigt. Und keine modernen Wege beschreiten will.
Natürlich kann man nicht über alle Dinge im Fußball mithilfe der elektronischen Dinge entscheiden – wie etwa die gelb-rote Karte von Klose. Aber Tore? Bei einer WM? Das sollte schon eindeutig sein und technisch ist dies doch möglich. Also: Die besten Schiedsrichter der Welt zur WM. Und die müssen schon innerhalb der Länder seriös ausgewählt werden. Erst jetzt hat der DFB seinen Schiedsrichter-Geheimbund durchgelüftet – aber wie ist es in anderen Ländern?
Schon höre ich sie wieder, die Traditionalisten: Das zerstört den Sinn des Spiels, menschliche Fehler gehören dazu. Warum gehören die dazu? Die Spieler sollten im Mittelpunkt stehen. Und sie haben den Anspruch auf eine faire Behandlung. Alles ist perfekt organisiert bei der WM – fast alles.
Der Fußball hat sich ein paar Dinge erhalten über all die Jahre. So wie man immer gesagt hat: Doping bringt nichts im Fußball. So hat man alle Diskussionen über Jahre hinweg beendet. Meine versöhnliche These zum Abschluss: Eigentlich stimmt es. Doping bringt nichts im Fußball. Es muss in den Menschen.
P.S.: Ich lasse morgen meine Wäsche waschen. Das Kilo kostet 4 Euro.
Teil 2 der Sprüche. Heute wollen wir auf diesem Wege die nächsten 15 Sprüche zur allgemeinen Unterhaltung. Wie sagte doch Bill Shankly: Fußball ist keine Angelegenheit, bei der es um Leben und Tod geht. Fußball ist wichtiger.
Bruno Labbadia: Das wird alles von den Medien hochsterilisiert.
Berti Vogts: Ich glaube, dass der Tabellenerste jederzeit den Spitzenreiter schlagen kann.
Helmut Schulte: Das größte Problem beim Fußball sind die Spieler. Wenn wir die abschaffen könnten, wäre alles gut.
Eugen Drewermann: Kein Pferd würde auf den Körper eines Menschen treten, der am Boden liegt. Kroatische Spieler schon.
Ewald Lienen: Ich habe ihn ausgewechselt, weil ich einen anderen Spieler einwechseln wollte. Da musste ich aber einen einen auswechseln.
Andi Möller: Vom Feeling her hatte ich ein gutes Gefühl.
Anthony Baffoe (nach gelber Karte zum Schiri): Mann, wir Schwarzen müssen doch zusammenhalten!
Hans Krankl: Wir müssen gewinnen, alles andere ist primär.
Harald Schmidt: Auch in Saudi-Arabien wird Fußball gespielt. Die Königsdisziplin dort heißt Köpfen.
Max Merkel (über Friedl Koncilia): Der sollte von der Innsbrucker Universität ausgestellt werden. Einen Menschen mit so wenig Hirn gibt’s ja net.
Mehmet Scholl: Ich hatte noch nie Streit mit meiner Frau. Bis auf das eine Mal, als sie mit aufs Hochzeitsfoto wollte.
Lothar Matthäus: Entschuldigung, ich spreche deutsch. Mein belgisch ist nicht so gut.
Marcel Reif: Wenn Sie dieses Spiel atemberaubend finden, haben sie es an den Bronchien
Johannes Rau (zum Vorschlag, Fußballstadien nach Frauen zu benennen): Wie soll das denn dann heißen? Ernst-Kuzorra-seine-Frau-ihr-Stadion?
Otto Pfister (über das Alter von Anthony Yeboah): Da hilft nur: Bein aufsägen und Jahresringe zählen.
Kaum zu glauben. Schon Halbzeit bei der WM. Am Montagabend sind 32 von 64 Spielen gespielt.
Heute habe ich einen Tag in Johannesburg verbracht. Schon das Autofahren dorthin ist einfach ein Erlebnis. Unterwegs kommt zunächst das Schild: „Hi jagging hot spot“. Gut so. Die Polizei warnt hier vor den Bereichen, in denen man entführt werden kann. Und in Johannesburg passieren wir das Schild mit der Aufschrift: Drunken people crossing. Du lachst – und denkst: Wo überall in Deutschland könnte dieses Schild stehen?
Auch Geldabheben am Automat ist immer ein Abenteuer. Ein Mitarbeiter vom Fernsehsender Sky hat mitten in Johannesburg in einer sicheren Gegend direkt außen an einer Bank die Hilfe eines freundlichen Passanten in Anspruch genommen, weil es Probleme am Automat gab. Der Passant war so freundlich, hat gezeigt, wie es funktioniert. Anschließend ist der Sky-Mann in die Bank, weil der Automat offensichtlich seine EC-Karte nicht mehr rausgab. Denkfehler: Der Typ, der helfen wollte, hatte geblufft, die EC-Karte einfach verschwinden lassen und mitgenommen…
Treffpunkt mit Jürgen Klinsmann ist das Hyatt Hotel in Johannesburg. Hier war ich schon vor eineinhalb Jahren und ich sehe den Tisch, an dem der damalige baden-württembergische Ministerpräsident Oettinger mit Matthias Kleinert Skat Skat gespielt hat. Ich überlege: Ob die damalige Rekord-Spielzeit, die sicherlich entstanden ist, irgendwo eingraviert ist?
In diesen Tagen ist das Hyatt besetzt mit den amerikanischen Fernsehexperten von ESPN. Sie erzählen von sensationellen Steigerungsraten von 60 Prozent im Vergleich zu den Übertragungen der vergangenen Weltmeisterschaft in Deutschland. Wir gehen anschließend in das Radisson, Kaffee mit einer interessanten Fernsehrunde. Aber erst treffen wir Arsene Wenger, Jürgens Trainer, als er beim AS Monaco gespielt hat. Eine Fußball-WM ist irgendwie auch immer ein Familientreffen. Seit 14 Jahren ist Arsene Wenger Coach von Arsenal London – in diesem Zeitraum haben die Bundesligisten durchschnittlich wahrscheinlich 13 Trainer ge- und verbraucht. Aber in anderen Ländern hängt das Wohl und Wehe von Trainern offensichtlich nicht von Lattenschüssen oder vergebenen Elfmetern ab. Klinsmann und Wenger reden über die skandalösen Vorfälle in Frankreichs Nationalmannschaft. Sie haben den großen Vorteil: Sie können sich locker in deutsch, englisch, französisch und auch italienisch unterhalten. Wie sagte Stefano Bizotto, Reporter des italienischen Fernsehsenders RAI: „Jürgen spricht besser italienisch als viele italienische Fußballer.“
Unfassbar, sagt Klinsmann über die Franzosen und ist sich sicher: „Schon nächste Woche wird ein Großteil der Spieler sagen: Was haben wir da verpasst, was haben wir da angerichtet, wie haben wir diese WM weggeschenkt?“ Dann können sie wieder vier Jahre warten. Auch für den Elsässer Wenger ist das unbegreiflich. Jürgen Klinsmann wird immer wieder grundsätzlich: „Die Spieler sind nicht vorbereitet auf ihre Karriere. Es gibt leider keine Ausbildung.“ Jetzt aber gibt es schon lange nur noch Verlierer in dieser Geschichte der französischen Nationalmannschaft. Aber es ist die Krönung einer Entwicklung, die auch im deutschen Fußball immer wieder spürbar ist: Einzelinteressen werden über Mannschaftsinteressen gestellt, Spieler über den Verein oder die Nationalmannschaft. Berater, Medien – bei vielen Spielern zählt nur die Außenwirkung.
Anschließend interne Diskussion mit der versammelten Kompetenz des deutschen Fernsehens. Florian König (RTL), Jürgen Klinsmann, Sebastian Hellmann (Sky) und Tom Bartels (ARD) – von links. In der Sonne, auf der Terrasse des „Radisson“ – man redet
über die Schiedsrichter. Fernsehbeweis bei Toren? Tom Bartels widerspricht: „Was ist dann, wenn der vorhergehende Eckball gar kein Eckball war? Wird das auch durch das Fernsehen geklärt?“ Einer plädiert für zwei oder drei Schiedsrichter pro Spiel. „Das Spiel ist so schnell geworden – ein Schiedsrichter kann das alles gar nicht mehr sehen. Drei Schiedsrichter ergeben mehrere Blickwinkel.“ Ob es funktioniert? Im Handball und im Basketball funktioniert es doch auch.
Die deutsche Mannschaft ist auch ein Thema. Auch hier in Johannesburg spürt man den Optimismus. Tenor: Die Entwicklung dieser Mannschaft und des Fußballs darf nicht gestoppt werden.
Irgendwie ist es schlecht geworden mit dem Schlafen in Südafrika. Nicht, dass wir später ins Bett gehen würden. Aber die Gedanken kreisen immer wieder um das Spiel am Mittwoch gegen Ghana.
Kann sich ein Mensch ungefähr vorstellen, wie das Gefühl ist, wenn man in all seinen Planungen für die nächsten Tage, Wochen, Monate, vielleicht Jahre, von der Chancenverwertung von „Poldi“ abhängig ist?
Unser Fotograf Markus Gilliar hat das ganze Training am Abend fotografiert und erzählt beim Abendessen in einem portugiesischen Lokal: „Poldi hat eine Super-Flanke reingehauen, kurz rausgeschaut und gesagt: „Eyyy Maaaarkus, haste das fotografiert.“
Tore, Poldi. Wir wollen Tore sehen.
Abends kommt noch eine SMS von Joachim Löw: „Melde mich. Alles andere besprechen wir nach dem Sieg gegen Ghana.“
Na also. Kurze Optimismus-Phase.
Irgendwann kurz nach eins schläfst du ein – aber kurz nach fünf bist du wieder wach.
Was tun? Vielleicht lesen. Im Sonderheft von 11Freunde findet man bestimmt Abwechslung. Herrliche Geschichte über das Spiel Brasiliens bei der WM 1986 gegen Frankreich. Das Ende der Geschichte? Brasilien schied im Elfmeterschießen aus. Die Folge: Sieben Herzinfarkte in Brasilien wegen des Ausscheidens, ein Erstochener, der sich abfällig über die Leistung der Brasilianer geäußert hat und ein Fast-Selbstmord, Bauchschuss, Notoperation.
Auch nicht der richtige Zeitvertreib.
Noch einmal ein Versuch, einzuschlafen. Vergeblich
Kurz vor sechs: Internet. Ein bisschen Zeitvertreib durch das Lesen der Zeitungen. Saubere Geschichte im „Spiegel“. Viel über mich. Der letzte Ludwigsburger, über den der Spiegel so berichtet hat, war Horst Köhler. Plötzlich stoppen die Gedanken. Ist der nicht auch zurückge….
Die „Süddeutsche“ schreibt über den Schiedsrichter. Die Ansetzung des Brasilianers, der Deutschland pfeift, ist unfassbar. Zuhause in Brasilien war er längere Zeit gesperrt. Wegen schlechter Leistung. Treibt den Puls auch nicht runter.
Noch doller: Die Suchmaschinen, bei denen ich immer Artikel über Löw und Klinsmann finde. Der „Münchner Merkur“. Überschrift: „Wer wird Nachfolger von Joachim Löw?“ Das beruhigt auch nicht unbedingt. Sie schreiben: Louis van Gaal? Aber Stopp. Wir wollen doch zur WM. War van Gaal nicht der einzige Trainer, der es geschafft hat, dass sich Holland nicht für die Weltmeisterschaft qualifiziert hat? Jupp Heynckes wird ins Spiel gebracht. Aber gibt es beim Fußball nicht auch eine zweite Halbzeit bzw. eine Rückrunde? Hrubesch, Flick, Adrion, Matthäus – wahrscheinlich man ist einfach bei Wikipedia alle Trainernamen durchgegangen. Aber was ist mit Winnie Schäfer? Krank? Das Leben mit den Zeitungen ist auch nicht immer schön. Sie suchen schon Nachfolger, während wir an die Zukunft glauben. Trägt auch nicht zum Schlaf bei.
Kurz vor sieben. Über dem Golfplatz geht die Sonne auf. In der Männer-WG beginnt das Leben. Fotograf Markus Gilliar macht sich auf den langen Weg nach Bloemfontein. Frankreich gegen Südafrika. Beide Teams haben es noch schwerer als Jogis Jungs. Spielt Mexiko gegen Uruguay Unentschieden, scheiden beide aus. Vive la Farce. Wenigstens haben wir keine Spieler heimschicken müssen.
Türen klappern, „Gille“ ist weg – ich habe das Frühstück erst auf 8 Uhr bestellt. Irgendwas muss doch Abwechslung bringen und gute Laune. Noch einmal ein Versuch. 11 Freunde WM-Sonderheft – das sensationelle WM-Fernsehprogramm.
RTL:
12.00 Uhr: Die Supernanny
Heute: Im Hotel Velmore Grande geht es hoch her. Herbergsvater Hansi ist völlig überfordert. Ein Fall für Katharina Saalfrank. Sie sorgt für Ruhe auf den Fluren und der kleine Lukas muss auf die stille Treppe.
20.15 Uhr: Bloemfontein
Auf der Suche nach Podolskis Playstation-Stecker kommen die Ermittler nicht weiter. Die Profiler müssen ran.
ARD:
22.45 Uhr: Lindenstraße
Hans Beimer will WM gucken. Da hat er aber die Rechnung ohne Anna Ziegler gemacht. Außerdem: Gung glaubt, Vietnam hätte sich für die WM qualifiziert. Dr. Ludwig Dressler versucht schonend, ihm die Wahrheit beizubringen.
SKY
12.00 Uhr SKY direkt
Der neue Sky-Vorstand Brian Sullivan hat frohe Botschaften: Im Mai sieben neue Abonnenten (13.402 Kündigungen).
19.00 Uhr: SKY Buffet
Thema: Südafrikanischer Wein, gut bekömmlich schon am frühen Abend. Zu Gast bei Fritz von Thurn und Taxis: Armin Veh.
22 Uhr: SKY Analyse
Reiner Calmund erklärt das enttäuschende 1:1 in gewohnter Kürze. Die nachfolgenden Sendungen verzögern sich um 120 Minuten.
Ein Blick ins Spartenfernsehen.
KK-TV (KK muss für Kevin Kuranyi stehen).
11.00 Uhr: Deutschland gegen Russland (Wdh.)
WM-Qualifikation vom 8. Oktober 2008 in Dortmund. Deutschland gewinnt souverän mit 2:1 vor 65.000 Zuschauer (vor der Pause) bzw. 64.999 (nach der Pause).
Köstlich. Halb acht, die Sonne scheint durch das Fenster, im Esszimmer klappert das Geschirr, Margarete deckt den Frühstückstisch. Wer denkt ans Ausscheiden? Weiter lesen:
Bierhoff-TV:
14.30 Uhr: Einmalzahlungen und ihre steuerlichen Chancen.
Und plötzlich sind sie wieder da, diese furchtbaren Gedanken ans Ausscheiden…
Spieltage sind ganz besondere Tage. Auch der heutige Mittwoch. Allerdings ziehen sich bei solchen wichtigen Spielen die Stunden bis zum Anpfiff bei den Abendspielen hin wie ein Kaugummi.
Heute droht die Gefahr bei uns nicht. Abfahrt in Centurion um 7.15 Uhr. Um 8.30 Uhr werden wir an einem Treffpunkt abgeholt – zu dritt machen wir dann von 9 bis 12 Uhr eine Führung durch Soweto – dem größten und auch bekanntesten Township Südafrikas. Zu sehen unter anderem: Das Chris-Hani-Baragwanath-Krankenhaus, das größte Hospital Afrikas. Hier werden am Tag mehr Menschen mit Schusswunden eingeliefert (mindestens zehn) als in einer ganzen Woche in Kabul.
Uns interessiert ganz besonders die Vilakazi-Street. Das ist weltweit die einzige Straße, in der zwei Nobelpreisträger gewohnt haben: Nelson Mandela und Erzbischof Desmond Tutu. Hierher ist Mandela nach 27 Jahren in Gefangenschaft zurückgekehrt. Nach 27 Jahren in Gefängnissen wieder die erste Nacht daheim. In seinem Buch „Der lange Weg zur Freiheit“ beschreibt Mandela diese Rückkehr:
„In dieser Nacht kehrte ich mit Winnie zur Hausnummer 8115 in Orlando West zurück. Erst als ich dort ankam, wurde mir so richtig bewusst, dass ich nicht mehr im Gefängnis war. Für mich war die Hausnummer 8115 der Mittelpunkt meiner Welt - ein Ort, der in meiner geistigen Landkarte mit einem X markiert ist.”
Desmond Tutu besitzt nach wie vor ein Haus in der Vilakazi Street, wo er bei seinen Besuchen in Johannesburg oftmals wohnt.
Wir werden diese Tour mit Jimmy Ntintili, unternehmen, einem Einwohner von Soweto, der die Kapazität ieser Touren ist – ich werde berichten.
Der weitere Plan: Von dort geht es dann um die Mittagszeit ins Hotel, wo Jürgen Klinsmann um 15 Uhr ein Interview fürs chinesische Fernsehen gibt. Und dann zum Spiel. Ich sitze bei 30 Kindern, die aus Ruanda zu diesem Spiel kommen dank einer Partnerschaft von Beiersdorf und plan weltweit. Joachim Löw unterstützt dieses Projekt und die Kinder spielen am Tag nach dem Stadionbesuch gegen die Kinder der deutschen Schule Fußball.
Fußballerisch liegt Frankreich nur vier Jahre nach der Finalteilnahme bei der WM am Boden. Gilbert Gress, früherer Trainer, war im Schweizer Fernsehen erschüttert: „Das ist das Spiegelbild unserer Gesellschaft“, sagt er. Schon die Affäre mit Prostituierten bei Nationalspielern wurde vor wenigen Wochen hingenommen, als ob es sich um das normale Tagesgeschäft handelt.
Jetzt haben die Franzosen den Salat und sind auf dem Heimweg. Ob ihnen die Deutschen folgen? Die Engländer? Aber diese drei Teams kann man nicht vergleichen. Das deutsche Team hat bisher den deutschen Fußball hervorragend repräsentiert. Die Engländer kämpfen mit dem bekannten Problem: Sind sie vier Wochen von der Insel weg, funktioniert nichts mehr. Da kommt es dann zu ganz besonderen Erlebnissen. Die Legende, die uns zeigt, dass dies nicht nur im Fußball so ist, ist schon 50 Jahre alt. Angeblich handelte es sich bei der Person, die im Mittelpunkt stand, um Baron George-Brown, späterer Außenminister des Landes. Man war schon einige Tage weit weg von der Insel, als besagter George-Brown bei einem offiziellen Empfang Anlauf nahm auf eine „imposante Erscheinung in einem purpurnen Gewand“, wie es Matthias Paskowsky beschrieb. Die Abfuhr, die er erhielt, war grandios:
„Erstens sind sie betrunken.“
„Zweitens ist das kein Walzer sondern die peruanische Nationalhymne.“
„Und drittens bin ich keine Frau, sondern der Erzbischof von Lima.“
Böse Zungen behaupten, das könnte Wayne Rooney auch heute noch passieren…
Soweto – das größte, vielfältigste und wohl auch das gefährlichste Township in Südafrika. Zumindest in bestimmten Gegenden. Auf einer Fläche von rund 20 x 6 km vor den Toren von Johannesburg steht Haus an Haus. Bzw. Hütte an Hütte.
Wir haben eine „private Tour“ gebucht. Drei Personen. Markus Gilliar, Jürgen Klinsmann und ich. Nachfrage am Abend davor: „really private Tour“? „Yes“, sagt die Dame am Telefon. Sie arbeitet für Jimmy. Er hat diese Touren vor 30 Jahren erfunden und führt heute noch durch Soweto. Nie auf den normalen Tourismuswegen. Er ist damals von Frankfurt nach Johannesburg geflogen, die Dame neben ihm hat gefragt, ob er aus den USA kommt – er hat gesagt, nein aus Soweto. Sie hat gefragt, ob er ihr Soweto zeigen kann – und seither macht er diese Tour.
Für uns privat.
Haben wir gedacht. Der Kleinbus fährt vor – und es sitzen schon zehn Leute drin. Jürgen Klinsmann setzt sich vorne auf den Beifahrersitz, die Baseballmütze tief im Gesicht. Keiner erkennt ihn. Jimmy fragt: „Is there anyone from Italy?“ “no”. “Is there anyone from France?” “No”. “is there anyone from England” “no.” “Where are you from?” Und plötzlich ruft es im ganzen Bus: “Deutschlaaaaand.” Um Gottes Willen, wo sind wir gelandet?
Es geht weiter. Jimmy ruft in den Bus: „Are you from Berlin?“ „No“ „Is there anyone from Hamburg?“ “No” Where are you from?” Plötzlich der ganze Bus: “Schtuutgaaaart.”
Das kann ja heiter werden.
Alles ist gut, vorne sitzt Jürgen Klinsmann und keiner kennt ihn. Jimmy fängt an, mit ihm zu sprechen: „Where are you from?“ Er sagt: „Stuttgart“.
Wir fahren Richtung Soweto – am Horizont sieht man den Smog. Jimmy sieht die Wolke, haut Jürgen Klinsmann auf die Schenkel und sagt: „Hey Man, have you ever been in Los Angeles?“
Würde einer diese Geschichte erfinden, kein Mensch würde sie glauben.
Es ist die Nicht-Touristen-Tour. Der erste Halt bei Alf Kumalo, einem Fotografen, der Nelson Mandela begleitet hat über all die Jahre. Er hat Nelson Mandela sogar die Fotos seiner Kinder nach Robben Island geschmuggelt. Er zeigt die Fotos von den Unruhen, von Mandela, private von Mandela – und am Schluss ist er ganz euphorisch: Er zeigt Jürgen Klinsmann ein Foto von David Beckham. Beckham? Ist der Weltmeister? Klinsmann schmunzelt.
Die Mitfahrer erkennen jetzt Jürgen Klinsmann. Das Klima bleibt ausgesprochen angenehm, zwei, drei Fotos und fertig.
Wir fahren weiter: Gäbe es eine Oberbürgermeisterwahl in Soweto – Jimmy würde bei 110 Prozent liegen. Er ist hier geboren, aufgewachsen, er kennt alle.
Wir sehen zwei Stunden keinen einzigen anderen Touri-Bus. Wir besuchen eine Großfamilie mit 40 Mitgliedern, die unter
unvorstellbar schlechten Bedingungen lebt. Jimmy hat gesagt: Kein Geld an irgendjemand. Alles Geld an mich. Ich verteile das dann. Er kauft ein – und gibt dann die Lebensmittel den Familien.
Wir kurven, am Boden streift immer ein Blech, reden mit den Leuten. Dann kommen wir zum Denkmal für Hector Pieterson. Der Schüler wurde im Alter von zwölf Jahren am 16. Juni 1976 erschossen. „Und seither ist in Südafrika eigentlich nichts mehr so, wie es vorher war“, sagt Jimmy. Damals haben 15.000 Schüler dagegen protestiert, dass die verhasste Sprache der Buren in der Schule als einzige Sprache eingesetzt wird. „Die Polizisten waren auf eine solche Situation nicht vorbereitet“, sagt Jimmy. Fast wie Mandela – ohne Rachegedanken. Bei den Auseinandersetzungen wurden 550 Personen getötet. Man kennt das Bild, auf dem der sterbende Hector Pieterson weggetragen wird. Jimmy sagt: Es gibt weltweit nur zwei Bilder, die diesen Stellenwert haben. Der Polizist, der von Berlin.Ost nach Berlin-West sprang, das nackte Kind, das in Vietnam vor dem Napalm-Angriff geflüchtet ist.
Anschließend der Kulturschock: Im Haus, in dem Nelson Mandela vor seiner Inhaftierung und drei Monate nach seiner Freilassung gelebt hat, geht es zu wie vor dem Buckingham Palace in London. Touristen über Touristen. Reiseführer heben Schilder in die Höhe. Auf nahezu jedem Schild steht was mit VIP. VIP-Tours, VIP-Special-Tours, Sony-VIP, Hasseröder-VIP-Tour. Daneben die Kleinbusse – auch hier dominiert das Logo VIP. Mitten in Soweto. Geht´s noch dekadenter?
Nichts wie weg. Ein paar Meter weiter das Haus von Desmond Tutu. Die Vilakazi Street ist die einzige Straße, in der zwei Nobelpreisträger wohnen. Aber es ist ein Jahrmarkt. Auch ein Jahrmarkt der Eitelkeiten, den die Touris bestreiten.
Dann zurück ins Hotel. Und ab ins Stadion, wo es zum Showdown kommt. Jürgen Klinsmann sagt vor der Abfahrt gegen 15 Uhr. Es wird Zeit, dass Landon Donovan sich mal richtig in Szene setzt bei diesem Turnier. Drei Stunden später schießt Donovan das entscheidende Tor, das die USA weiterbringt und wird im dritten Spiel zum zweiten Male zum „Man of the match“ gewählt. Wie sagte Hermann Gerland: „Der würde bei uns nicht einmal in der zweiten Mannschaft spielen.“ Aber wir halten es mit Jimmy: Keine Revanchegedanken. Es lohnt sich nicht.
Das wird ein Tag in der Männer-WG. Japan nach dem Sieg gegen Dänemark im Achtelfinale – zum zweiten Male in der Geschichte der WM. Für meine Mitbewohner Akira und Ohrui war jeder der 400.000 m auf dem Heimweg in der Nacht nach dem Spiel ein Triumphzug. Ich vermute: Zum Frühstück gibt es Sushi…
Ganz anders die Heimreise der Italiener und der Franzosen. Damit ist schon nach der ersten Gruppenphase klar, dass von den ersten drei Mannschaften der vergangenen Weltmeisterschaften nur noch das deutsche Team dabei ist. Womit wir sagen können: Die Kontinuität ist bei unserem Fußball derzeit am besten. Platz 3 WM 2006, Finale EM 2008 (wo Italien und Frankreich schon geschwächelt haben) und jetzt mit einer jungen Mannschaft zunächst im Achtelfinale. Und dazu noch die Perspektiven. Stehen Frankreich und Italien vor einem Scherbenhaufen und einem Neuanfang – so hat das deutsche Team eine herausragende Altersstruktur.
Hintergründe? So weit kommt man mit dem nationalen Fußball, wenn die Spitzenteams wie Inter Mailand ohne Spieler aus dem eigenen Land das Champions League Finale bestreiten…
Aber was soll´s: Ein großes Umdenken ist nicht zu erwarten. Die Trainer werden ausgetauscht, die Spieler kehren zu ihren Vereinen zurück, werden zur neuen Saison eine Gehaltserhöhung bekommen – und in vier Wochen ist zumindest für die Spieler alles vergessen. Schuld hat wieder mal der Trainer.
Wer leistet eigentlich bei Arne Friedrich Abbitte? Seit vielen Jahren wurde er immer wieder als DER Langeweiler der Nationalmannschaft dargestellt, sein Name war eigentlich Synonym für Biederkeit. Jetzt spielt er eine glänzende Weltmeisterschaft, war im letzten Gruppenspiel gegen Ghana der beste deutsche Feldspieler. Arne Friedrich hat alles, was man braucht: Er ist intelligent, nett, ehrlich, redlich – und gehörte bis zu der Weltmeisterschaft trotzdem zu den Unterschätzten im Lande.
Am Donnerstag war ich bei einer Veranstaltung von Plan International und Beiersdorf. Plan ist eine internationale Kinderhilfsorganisation, die in Entwicklungsländern arbeitet und sich für Kinderrechte stark macht. Kinder stehen im Mittelpunkt der Programmarbeit, die in erster Linie über Patenschaften finanziert wird, mit dem Ziel, die Mädchen und Jungen zu stärken und über langfristige Programme und Projekte ihr Lebensumfeld zu verbessern. Beiersdorf unterstützt Plan, Joachim Löw ist bei Nivea for men Testimonial und somit auch ein Partner von Beiersdorf. Der Bundestrainer unterstützt ein Fußballprojekt in Ruanda, 16 Kinder aus Ruanda waren beim Spiel der Deutschen gegen Ghana und kickten am Donnerstag gegen die Kinder der Deutschen Schule in Pretoria. Thomas-B. Quaas, Vorstandsvorsitzender von Beiersdorf, zeigte, dass dieses Engagement für ihn Herzensangelegenheit ist – er war extra zu diesem termin gekommen.
Unvorstellbar in unserer Wohlstandsgesellschaft: Die Kinder aus Ruanda haben nicht gewusst, dass Wasser aus der Wand kommen kann. Sie haben bis zu ihrer Ankunft keinen Wasserhahn gesehen oder gekannt. Auch Fernsehen haben sie nicht gekannt – nur Radio.
Gemeinsam waren wir beim Spiel in Soccer City – und es war natürlich ein einmaliges Erlebnis. Aber unvergessen die Szene am Donnerstag nach ihrem eigenen Spiel. Jeder Spieler hatte ein Trikot mit seinem Namen hinten drauf bekommen. Ein weiteres Trikot mit dem Namen Jogi wollten sie unterschreiben und es am Freitag Joachim Löw überreichen. Problem: Nahezu die Hälfte der Spieler kann nicht schreiben. Aber in punkto Pfiffigkeit macht ihnen keiner was vor. Sie zogen ihr Trikot aus – und zeichneten ihren Namen ab. Ich bin mir sicher: Dieses Trikot wird bei Joachim Löw einen Ehrenplatz erhalten.
Langsam aber sicher müssen wir überlegen, wie man unser Gästehaus mit dem Namen Fairways nach der Weltmeisterschaft besser vermarktet. Wir rechnen nicht mit der Enthüllung eines Denkmals. Aber dass hier das Sieger-Gen zuhause ist, steht außer Frage.
Deutschland und Japan – hier haben die Erfolge eine Heimat. Und England auch, weil Margaretes Mann ein Engländer ist. Die Italiener und die Franzosen? Haben schlicht im falschen Haus gewohnt.
Wir haben das Erfolgs-Gen. Bis heute morgen. Aus Gilleking wurde Gillesturz. Um neun Uhr gleicht ein Pressezentrum normalerweise einer Möbelausstellung. Kein Mensch da. Nur der fleissige Markus Gilliar war einbestellt, weil er die Löwentour der Nationalmannschaft begleiten sollte. Die Fliesen vor dem Pressezentrum: Frisch geputzt und noch nass. Und ruckzuck lag Gille auf dem Boden. Die Erstversorgung übernahmen die Ärzte der Nationalmannschaft. Aber man überlegt jetzt beim DFB, ob man angesichts der Schwere der Verletzung nicht Adi Katzenmeier zurückholt. Adi – der Mann, der so sanft massiert, dass man dabei sanft einschläft…
Gillesturz, früher Gilleking, ging aber zunächst mit der Nationalmannschaft in den Löwenpark. Fotografierte was das Zeug hielt und keiner weiß, was größer war: Der Schmerz – oder die Angst.
Aber im Gegensatz zu Schweinsteiger ist Gillies Einsatz am Sonntag nicht gefährdet. Aus Sicherheitsgründen hat er aber auf das Spiel Spanien gegen Chile, wofür er am Abend nach Pretoria fahren wollte, verzichtet. Er wird geschont. Vielleicht kann er am Samstag wieder mit leichtem Lauftraining anfangen…
Dann sollten wir wie immer die Schlagzeilen, die von Englands Boulevardzeitungen geschickt werden, nicht ganz so ernst nehmen. Alle Jahre das Gleiche. Vielleicht sollte man noch hinzufügen, dass dies nicht einmal mehr von den Engländern ernstgenommen wird.
Seit der heutigen Pressekonferenz weiss ich, was der Höhepunkt des lukullischen Genusses in Südafrika ist. Zunächst gab es mit Ausnahme des Sturzes von Markus Gilliar nur gute Nachrichten. Der Deutsche Fußball-Bund ermöglichte es den ruandischen Kindern, dass sie ihr Trikot (siehe unten) an den Bundestrainer während der Pressekonferenz überreichen durften. Einer guten Aktion wurde damit die notwendige Aufmerksamkeit gegeben.
Als dann alles erledigt war, wollte ich mir noch in aller Ruhe eine Tasse Kaffee gönnen. Freitag Nachmittag, die meiste Arbeit ist getan, das Wochenende kann kommen. Jetzt ein Kaffee. 1,20 Euro. An der Theke reissen sie ein Päckchen auf, der Inhalt rieselt in eine Tasse. Wasser dazu – und weil das Wasser anscheinend nicht richtig heiß ist, nehmen sie halt meine Tasse, stecken sie in die Mikrowelle. Jetzt ist die Tasse so heiß, dass der Kaffee nicht zu trinken ist…
Das Thema des Tages. Lagerkoller. Er kommt immer nach der dritten Woche sagt man. Bei Journalisten und bei Spielern. Bei uns in unserer Männer-WG ist das so unvorstellbar wie ein Kopfballtor von Lahm oder Marin. Deshalb haben wir in unserer japanisch-deutschen Erfolgsgemeinschaft die Szenen nachgestellt.
Sie sehen den deutschen Sportfotografen Nummer 1 Markus Gilliar und Akira, die japanische Nummer 1.
So geht es nicht mehr weiter…
Du regst mich schon lange auf…
Gehen wir kurz raus oder holen wir die Straße rein?
Die Vorbereitungen sind getroffen: Margarete hat heute noch extra einen Test gemacht und festgestellt: Die Zeituhr in der Kaffeemaschine funktioniert. Und das Toast liegt schon in der Küche – das sollten wir in der Männer-WG alleine hinkriegen.
Denn das Leben ist nicht ganz so einfach bei einer Weltmeisterschaft: Wir werden morgen früh um 5.15 Uhr aufstehen und um 6 Uhr losfahren. Der Fahrer wird uns abholen – wir sind zu dritt. Nach Bloemfontein sind es ungefähr fünf Stunden zu fahren – und die Straßen haben nicht immer die Qualität der A8 zwischen Stuttgart und München.
In Bloemfonteine das immer gleiche Ritual: Die Fotografen stehen im Pressezentrum an, um ihre Machtickets zu holen (first come – first serve) – ich muss mein Ticket in der Stadt in einem Hotel abholen und dann um 16 Uhr Spielbeginn. Ab dem Achtelfinale wird es immer wieder komplizierter, weil natürlich alle Verbände innerhalb kurzer Zeit eine Organisation auf die Beine stellen müssen. Es steht erst vier Tage vor dem Spiel fest, in welcher Stadt die Mannschaft spielt – und erst dann verkauft der DFB sein Kontingent an Karten. Aber in diesem Bereich ist der DFB unschlagbar – seine Organisation ist weltmeisterlich. Dann Spiel, Pressekonferenz und gegen 20 Uhr, wenn alle Fotos verschickt sind, die Pressekonferenz beendet ist, wieder fünf Stunden zurück. Und keiner weiß, wie die Stimmung auf der langen Fahrt durch die Nacht Südafrikas sein wird…
Aber klar ist schon jetzt: Das Desaster für die europäischen Mannschaften geht weiter. Mehr als die Hälfte aller europäischen Teams (Italien, Frankreich, Schweiz, Slowenien, Griechenland, Dänemark Serbien) ist bereits in der Gruppenphase ausgeschieden. Nur noch sechs (Spanien, Deutschland, England, Slowakei, Portugal, Holland) sind noch im Rennen. Aber zwei aus dem Top-Quartett Deutschland, England, Spanien, Portugal) wird es auf alle Fälle im Achtelfinale erwischen, weil sie Deutschland und England bzw. Spanien und Portugal direkt gegeneinander spielen.
Ist es vorbei mit der europäischen Dominanz im Fußball? Noch bei der WM 2006 kamen alle vier Halbfinalisten aus Europa, zehn überstanden die Vorrunde. Mal abwarten, was bei diesem Turnier noch passiert. Aber Europa wird um seine zwölf Startplätze kämpfen müssen. Und zu befürchten ist, dass eine lange Serie hält: Noch nie wurde eine europäische Mannschaft Weltmeister bei einer Weltmeisterschaft, die außerhalb Europas stattfindet.
Wir waren heute in Johannesburg. Erst im Ellis Park-Stadion, um dort im Pressezentrum den Parkschein für das Spiel morgen abholen (sonst kommt man in Bloemfontein nicht in den näheren Stadionbereich vor). Direkt beim Stadion liegt der „Ponte“, es hat den Ruf, das gefährlichste Hochhaus der Welt zu seinb – 157 Stockwerke, 470 Apartments, 2.500 Bewohner. Die Polizei hat sich eine Zeitlang dort nicht mehr reingetraut. Die Fenster sind verschweisst, nachdem beispielsweise aus dem 152. Stock immer wieder Kühlschränke und anderes Mobiliar rausflogen. Jetzt soll es sicherer sein. Den Vorschlag, dies bei einem Vorort-Termin nachzufragen, lehnen meine Mitbewohner natürlich entschieden ab. Nur Spaß. Die Gegend ist nicht gerade vertrauenserweckend – obwohl das Stadion Ellis Park in unmittelbarer Nähe liegt… Nur schnell weiterfahren. Und gucken, ob die Zentralverriegelung funktioniert…
Anschließend gehen wir noch in Johannesburg in das Apartheid-Museum. Wer mehr über Südafrika wissen will, sollte bei einem Besuch in diesem Lande das Apartheid-Museum sehen. Dieser so wichtige Teil der Geschichte dieses Landes wird beeindruckend dargestellt. Schon der Eingang bringt eine Gänsehaut: Getrennt nach schwarz und weiß – um die unseligen Zeiten von damals nachzuempfinden. Kaum zu glauben, dass diese Zeiten teilweise gerade mal 25 Jahre zurückliegen. Was muss die Rugby-Weltmeisterschaft 1995 mit dem Gewinn der Südafrikaner für diese Leute bedeutet haben. Und wir in Deutschland denken, die WM 2006 wäre etwas ein historisches Ereignis im Lauf der Weltgeschichte gewesen…
Zum Fußball: Die deutsche Mannschaft ist derweil am Samstag um die Mittagszeit nach Bloemfonteine geflogen. Abschlusstraining, Abendessen, Mannschaftssitzung, Frühstück, leichtes Training, um den Kreislauf in Schwung zu bringen, Mittagessen, Mannschaftssitzung, Abfahrt ins Stadion, Warmlaufen, kurze Ansprache an die Mannschaft in der Kabine und Spielbeginn um 16 Uhr – der Ablauf erinnert stark an ein normales Bundesligaspiel um 15.30 Uhr.
Die Mannschaft kommt so nicht in den Genuss des Autofahrens unterwegs (siehe unten). Du fährst hier keine 20 Kilometer auf der Autobahn, ohne dass du einen Unfall siehst. Und Menschen, die auf der Autobahn auf dem Mittelstreifen an der Leitplanke entlang laufen, regen hier niemanden mehr auf – außer uns Europäern. Radfahrer, die dir auf dem Standstreifen der Autobahn ohne Licht entgegenkommen – das ist schon normal. Heute hatten wir während der 45 Minuten-Fahrt von Johannesburg in unser Centurion das volle Programm: Drei Unfälle (einer mit einer Massenschlägerei neben den Autos), ein Radfahrer und ein Fußgänger. Und einer, der mit seinem Auto umzog (siehe oben).
Hoffentlich ist es sonntags auf den Straßen Südafrikas etwas ruhiger, wenn wir insgesamt zehn Stunden unterwegs sind. Aber große Hoffnung habe ich nicht…
Warum es unfair ist, Robinho mit Per Mertesacker zu vergleichen. Hier wird der Beweis geliefert: Brasilianer und Deutsche haben einfach völlig unterschiedliche Voraussetzungen…
Es wird gutgehen. Am Abend davor warteten wir auf das Essen in einer Bar, in der eine der südafrikanischen Bedienungen ein deutsches Nationaltrikot anhatte. Und was macht ausgerechnet diese Bedienung als erstes: Sie schmeisst ein Glas runter. Scherben bringen Glück. Wir würden es ihr gerne sagen, doch was heißt das auf englisch? Lothar Matthäus würde sagen: Shard brings lucky.
Spieltage sind zwar Festtage aber manchmal auch ganz schön anstrengend. Der Wecker klingelt um 5.15 Uhr. Aufstehen, nebenher einen Kaffee, Toastbrot. Fahrt nach Bloemfontein mit einem Fahrer, den wir schon lange vor der WM verpflichtet haben. Richtig professionell: Mieten konnte man normal driver, defensive driver und armed driver. Bitte keine Späße (remember Lothar Matthäus) – die anderen beiden haben auch Arme. Armed heißt in diesem Falle bewaffnet.
Aber wir sind bereit für das große Spiel. In Anlehnung an die WM 2006, als die Deutschen gegen Italien ausschieden und zum Boykott der Pizzerien aufgerufen wurde, sagt Markus Gilliar: “Wenn wir heute verlieren, gehe ich fünf Wochen nicht mehr zu meinem Lieblings-Engländer zum Essen.” Ein Brüller.
Unsere Lieblingsfluggesellschaft ist Kulula Air. Eine Billigfluglinie, die von Anfang an mit der Fifa auf Kriegsfuß steht, weil man der Airline verboten hat, die Begriffe WM, Südafrika, 2010 usw. in der Werbung zu verwenden. Aber die Jungs von Kulula sind unfassbar gut. Jetzt haben sie eine Kampagne gestartet: Wer Sepp heißt, darf während der WM umsonst mit Kulula fliegen. “Wir machen das zu Ehren von Sepp Blatter, der so viel Gutes für unser Land getan hat”, sagen die Verantwortlichen. Gemeldet hat sich aber nur einer, dessen Hund Sepp heißt. Und Sepp,ein Boston Terrier aus Kapstadt, ist jetzt ein Held in Südafrika. Er fliegt umsonst, ist ein Medienstar. Alle Zeitungen voll. Sensationelle Fotos – auch auf www.kulula.com.
Wir hatten zu diesem Zeitpunkt aber schon unsere eigene Erfahrung mit Kulula. Unsere Fotografen fliegen immer wieder mit Kulula und berichtet von sensationellen Durchsagen: “In dem unwahrscheinlichen Fall, dass Südafrika Weltmeister wird, fallen aus der Deckenverkleidung Sauerstoffmasken – und es gibt Sauerstoff umsonst.” Und vor dem Aussteigen: “Bitte öffnen sie vorsichtig die Gepäckfächer über ihnen und nehmen Sie ihr Handgepäck mit – die wertvollen Sachen können Sie da lassen. Die verkaufe ich im Geschäft meines Vaters.”
Südafrika ist ein wunderbares Land mit wundervollen Ereignissen. Markus Gilliar hatte am Samstagabend im Internet eine sensationelle Location für das Abendessen gefunden -aber es war eine Kochschule. Abends geschlossen.
Es gibt Momente, da braucht man nichts mehr sagen und auch nichts mehr schreiben. Was für ein Spiel. Das will man nur noch genießen – nicht irgendwelche Texte schreiben oder lesen…
Die Nacht war ausgesprochen kurz. Details über Rückfahrt, Siegesfeier an Raststätten mit englischen Fans usw. folgen. Vorab eine kleine Einstimmung.
Erstens zur Schieri-Entscheidung. Offensichtlich hatte Larrionada doch recht:
Zweitens ein Video, für diejenigen, die noch immer glauben, ich würde übertreiben mit meinen Erlebnissen aus Südafrika. Hier von der Heimfahrt: Wiesen werden abgefackelt bis direkt ran an die Autobahn. Weit und breit kein Mensch zu sehen. Aber man denkt, man fährt durchs Feuer. Oder haben da englische Fans ihre Trikots verbrannt?
Regel eins im Fußball: Der Erfolg hat viele Väter – der Misserfolg hingegen ist ein Waisenkind.
Wer jetzt alles wieder seinen Teil dazu beigetragen haben soll, dass Deutschland bei der Weltmeisterschaft so herausragend spielt. Wahrscheinlich sogar diejenigen, die den Bundestrainer vor kurzem noch so heftig dafür kritisiert haben, dass er Frings und Kuranyi nicht mitnimmt. Und ihm spätestens nach der Ballack-Verletzung am liebsten gezwungen hätten, Frings nachzunominieren
Gestern war sogar Thomas de Maiziere beim Spiel, sogar von der Tribüne sah man, wie er zu den Fernsehinterviews schritt. Noch vor ca. drei Wochen hat er gesagt: “Ich möchte den Bundestrainer nicht kritisieren, aber ich würde Frings mitnehmen.” Was Jogi Löw den Politikern empfehlen würde?
Er ist eine so starke Persönlichkeit, dass er nicht einmal daran denkt, diese Dinge zu thematisieren. Er sitzt im Velmore, bestellt sich einen Espresso, genießt den Erfolg im Stillen und hat den Spielern erst mal bis morgen abend 23 Uhr freigegeben.
Der Erfolg der Nationalmannschaft ist meiner Meinung nach leicht zu erklären. Im Sommer 2004 war der deutsche Fußball am Tiefpunkt (wie die Politik jetzt). Der DFB hatte unter Gerhard Mayer-Vorfelder bereits ein Jugendprogramm initiiert, wovon Joachim Löw heute profitiert: Die Bundesligisten müssen seit diesem Zeitpunkt Jugendzentren haben, in denen sehr gute Arbeit geleistet wird. Dann kam Jürgen Klinsmann und schaffte eine komplette Wende im Denken der Nationalspieler und Betreuer. Er baute ein Umfeld auf, in dem Leistung gedeihen konnte und stellte die Sache in den Mittelpunkt – nicht die Eitelkeiten. Zudem ging er alles offensiv an – so wie es seiner Mentalität entspricht. Aber dieser Aufbau war sehr kräftezehrend. Nach Klinsmann kam Joachim Löw und der baute auf dem Fundament, das entstanden war, auf. Mit der Verfeinerung des Spiels, was dem Fußball-Pädagogen Jogi Löw besonders liegt.
Noch immer stehen einige Entschuldigungen aus. Wie wurden die amerikanischen Fitnesstrainer belächelt, ja sogar beleidigt, als sie ihre Arbeit anfingen. Und was war der größte Unterschied beim Spiel gegen England? Richtig, die Fitness. Wie wurden Klinsmann und Löw belächelt wegen des Einsatzes eines Sportpsychologen – wer hatte am Sonntag die richtige Einstellung zum Spiel? Wer hat gesagt, dieser Mannschaft fehlen die Typen. Typen wie Effenberg, Basler? Da friert es einen. Usw. usw.
Das Spiel dieser Mannschaft trägt die Handschrift von Joachim Löw. So wie früher beim VfB Stuttgart, als der Begriff „magisches Dreieck“ aufkam: Attraktiv, schnell, flach – manches Mal sogar atemberaubend.
Wie viele Leute haben ihm den Rat gegeben: Nimm halt den Kuranyi mit und setze ihn auf die Bank. Wie viele Leute haben ihm den Rat gegeben: Nimm den Frings mit, bei einer WM ist Erfahrung gefragt. Oder all die anderen unsäglichen Diskussionen vor der WM. Nein, tagelang saß man im „Hotel Engel“ in Obertal zusammen und entwickelte einen Plan. Anschließend wurde für diesen Plan die entsprechenden Leute gesucht – und wie das dann im Idealfall aussehen kann, hat man jetzt in Bloemfontain sehen können.
Dieses Zeichen sollte von dieser Mannschaft und vor allem vom Trainer ausgehen. Wir arbeiten, damit wir besser werden. Wir arbeiten mehr, dass wir noch besser werden. Wir stehen zu unseren Leuten. Wir sind loyal. Wir sind begeisterungsfähig. Wir nörgeln nicht an allem rum. Wir stellen die Leistung in den Mittelpunkt. Wir wollen uns verbessern. Einfach: Wir wollen dem Fußball seine Normalität zurückgeben.
Aber was lese ich im Internet: Horst Heldt verläßt den VfB Stuttgart in der wichtigsten Phase der Saison, obwohl er einen Vertrag bis 2013 hat, den er sicherlich freiwillig unterschrieben hat. Er fühlt sich nicht entsprechend gewürdigt, heißt es. Das Ganze wird über die Medien ausgetragen und dann noch als Coup von Schalke dargestellt. Wie billig ist das denn?
Heißt das Wembley-Tor jetzt eigentlich Bloemfontein-Tor? Unfassbar, was da momentan passiert. Und nicht den Schiedsrichtern von den Malediven, sondern den Top-Leuten. Fehler, wohin man schaut. Was kann helfen? Fernsehbeweis? Schwierig. Wo fängt man an? Auch beim Freistoß, der zum Tor führt? Oder beim Einwurf, der zum Freistoß geführt hat, der wiederum zum Tor führte. Chip im Ball – dann ist wenigstens das mit dem Tor geklärt. Aber was, wenn das Tor aus fünf Meter Abseits erzielt wurde? Deshalb bleibe ich bei meiner Meinung: Ein zweiter oder ein dritter Schiedsrichter sollte her, so, dass man die verschiedenen Perspektiven besser in die Beurteilung einfließen lassen kann.
Die Fahrt nach Bloemfontein und vor allem die Fahrt zurück waren mal wieder ein großes Erlebnis. Hätte mir das einer vorhergesagt – ich hätte es für übertrieben gehalten. Diesesmal ist die Autobahn kurz vor Bloemfontein gesperrt – wir stehen. Dann fahren wir weiter – und plötzlich steht eine einmotorige Cessna direkt am Straßenrand. Es gab kurz zuvor auf der Autobahn eine Notlandung eines Kleinflugzeuges mit Fans der deutschen Mannschaft.
Rückfahrt. Nach dem klaren Sieg ein, zwei oder drei Sixpack Bier – das wäre jetzt das Richtige. Aber ist einer von Euch schon mal nachts in der Dunkelheit in einer südafrikanischen Raststätte mit angeschlossenem Schnellimbiss gestanden mit ca. 450 niedergeschlagenen englischen Fans? Niedergeschlagen im Sinne von depressiv. Die Gegend draußen ziemlich finster mit vielen Einheimischen, mit denen ich nicht eine gemeinsame Kapitalanlage tätigen würde? Unser Fahrer bleibt im Auto sitzen – die Pistole hat er immer im Handschuhfach. Ich schlage mich bis zu den Getränken durch – aber das Bier ist ausverkauft. Dann kommen ca. sieben halbstarke deutsche Fans in den Raum und grölen: „England´s going home“ auf die Melodie „football´s coming home“. Ich schaue schon mal, wo der Notausgang ist. Aber alles bleibt ruhig. Und zwei Tankstellen bzw. 120 km später gibt es auch Bier.
Aber die Fahrt ist eine Tortour. Unterwegs ca. 30.000 englische Fans – alle von Bloemfontein zurück nach Johannesburg. Natürlich ist die Freude groß – aber insgesamt sind wir zu diesem Zeitpunkt fast schon 21 Stunden auf den Beinen. Unterwegs natürlich auch immer wieder ein bisschen Schadenfreude. Wegen der ausgeschiedenen Mannschaften und auch wegen der vielen Besserwisser.
Es ist schon zwei Uhr vorbei, als wir mitten in der Nacht in Centourion in der Männer-WG ankommen. Margarete hat auf dem Bett zur Feier des Sieges Schokolade platziert (früher sagte man dazu Negerküsse).
Und was sagt Markus am Frühstück zu Margarete? „Margarete, vielen Dank. Das war wichtig. Nach drei Wochen endlich mal wieder was Süßes im Bett.“
Das ist der Humor in der Männer-WG.
P.S.: Für die Fotofreaks: Dieses Foto machen unsere Chef-Fotografen per Remote Kamera. Das heißt: Kein Fotograf darf hinter dem Tor stehen. Markus Gilleking stellt aber eine Remote-Kamera hinter dem Netz auf. Von seinem Platz, viele Meter entfernt, löst er die per Fernbedienung aus. So kommen solch eindrucksstarke Fotos wie dieses vom 4:1 der deutschen Mannschaft zustande…
Martin arbeitet als Bedienung im Mugg & Bean in Centurion. Als ich sage, dass ich von Stuttgart komme, strahlt er. Er sagt nicht: Mercedes, Porsche – er sagt: „Oh, VfB.“
Wenn ich gesagt hätte, Ludwigsburg, hätte er wahrscheinlich gesagt: „Oh, 07.“
Er weiß alles. Als er dann noch fragt, ob Edin Dzeko weiter in Wolfsburg spielt, wird´s mir fast unheimlich.
Angefangen hat es mit meiner Akkreditierung, auf der man erkennen kann, dass ich aus Deutschland komme. Viel mehr sieht man darauf nicht. Ich wollte nur einen Cappucino und ein bisschen im Buch „Mandelas Weg“ lesen. Martin gibt mir die Hand und sagt: „Danke für die Spielweise Deiner Mannschaft. Und für das Auftreten.“
Martin sagt: Wie sie sich verhalten haben nach dem Sieg gegen England – wonderful. Keine Gebärden, nix Überhebliches – Danke an die Fans – und dann in die Kabine.“
Martin weiß alles, Martin sieht auch alles. Und “Joakim Lov is always friendly.“ Martin sagt: Er fordert keine gelben Karten vom Schiedsrichter für gegnerische Spieler. Er springt nicht auf bei einem Foul an seinen Spielern. Und dann sagt er empört: „Und was wollen die Engländer eigentlich vom Kaiser? Der Kaiser hatte doch Recht mit seiner Kritik vor dem Spiel. Das hat man doch beim Spiel gesehen!“
Jetzt ist es an der Zeit, mal nachzurechnen: Wie viele Millionen geben die Bundesregierung und auch die Landesregierungen für so genannte Imagekampagnen aus. Um das Ansehen der Deutschen im Ausland zu verbessern und für den Standort Deutschland zu werben. Wo landet das Geld? Und wer misst den Erfolg?
Alleine die Standortkampagne „Land der Ideen“ hat 2006 mehr als 20 Millionen Euro gekostet. Dabei sollte dargestellt werden, dass Deutschland nicht nur das Land der Dichter und Denker ist sondern auch sympathisch und innovativ. Zusätzlich gab es die Medienkampagne „Du bist Deutschland“, wovon man nicht weiß, was sie gekostet hat. Da gab es Klausurtagungen, „nation brand“, Anzeigen, Kampagnen, Ausschreibungen, Pitches (oder wie heißt das). Ausgerechnet in diesem Moment bin ich in meinem Buch bei einem der Leitsätze von Mandela: „Man kann Veränderungen nicht mit Macht bewirken sondern mit Überzeugung.“
Die Kampagnen? Bei Martin und all den anderen Südafrikanern ist davon sicherlich nichts angekommen. Wie auch zuhause, im eigenen Land. Oder gab es ein „public viewing“ von der Kampagne?
Die Kraft des Fußballs haben wir 2006 gesehen. Und sehen sie jetzt wieder.
Wir gewinnen nicht nur Spiele – wir gewinnen auch Sympathien. Für das ganze Land. Und nicht nur bei Martin. Und es ist ihm auch egal, ob die Spieler die deutsche Hymne singen oder nicht…
Aber wenn wir die Verantwortlichen der Kampagnen fragen würden, fänden sie sicherlich eine Erklärung, dass dieser Imagegewinn ausschließlich mit den Spätwirkungen dieser Kampagnen zusammen hängt.
Keine Angst, ich habe genügend Kumpels in den Agenturen, bin für Werbung und ich bin für Kampagnen – aber die öffentlichen Stellen sollten das Geld an der richtigen Stelle ausgeben. Nicht den Fußballern, die haben genug davon. Aber setzt die Leistung dieser Mannschaft in weitere Kampagnen um. Und wenn wieder mal einer, der viel Gutes für das Ansehen von Deutschland getan hat und tut, von denen angepinkelt wird, die früher die Scherbenhaufen hinterlassen haben, dann müsste einer aufstehen und sagen: Stop, wie war das damals?
Was waren das noch für Zeiten – früher, als alles nicht besser, sondern in diesem Falle echt schlechter war. Das Fernsehen müsste mal ein best off des schlechten Auftretens der deutschen Nationalmannschaft in den vergangenen Jahren zeigen. Ohne Wertung
Deutschland gegen Österreich in Gijon, Nichtangriffspakt (leichte Anzeichen von Schüttelfrost)
Toni Schuhmacher gegen Battiston (erhöhter Puls). Schuhmacher, nachdem er Battiston niedergestreckt hat: „Ich zahle ihm die Jacketkrone“.
Paul Breitner, (Empörung), weiß heute alles (besser), erklärt bei Waldis WM-Stammtisch mit öffentlich-rechtlichem Honorar, was falsch läuft – und hat damals aus dem Mannschaftshotel Wasserflaschen nach den eigenen Fans geworfen.
Uli Stein, Torhüter ohne große Bedeutung, aber 1986 heimgeschickt
Stefan Effenbergs (einziger Unterschied zu Paul Breitner: besser bezahlt bei Abosender Sky statt bei der ARD und kein öffentlich-rechtliches Geld, sonst: siehe Besserwisser. Aber: Stinkefinger gegen die eigenen Fans – auch er heimgeschickt
EM 2000 Holland/Belgien, nach dem Ausscheiden singt die Mannschaft auf der Terrasse: „Anton aus Tirol“.
EM 2004 Portugal, Spiele gegen Lettland und Tschechien B.
Und wir haben uns immer gewundert, dass wir nicht ganz so beliebt waren in der Fußball-Welt.
Jetzt ist das Losglück weg – aber unser Fußball ist menschlich geworden. Wir finden nicht mehr den Weg ins Finale gegen Paraguay, USA, Südkorea und stehen auf einmal mit Gottes und Kahns Hilfe im Endspiel, sondern wir spielen erst gegen England, dann gegen Argentinien. Und wenn wir das überstanden haben, gegen Spanien. Prost Mahlzeit.
Aber es wird nicht mehr gejammert, wenn diese Spiele anstehen und es wird nicht mehr gejammert, wenn Spieler ausfallen. Es ist die pure Freude und der Spaß, der diese Mannschaft treibt.
Genau das spürt Martin, der nur ein einfacher Kellner ist im Mugg & Bean.
Heute habe ich mal wieder einen Tag bei der deutschen Mannschaft verbracht, draußen im Velmore Hotel in Erasmia. Nach 32 Stunden Freizeit haben dort die Vorbereitungen auf das Argentinien-Spiel begonnen.
Die Erleichterung ist förmlich greifbar im weiten Areal. Urs Siegenthaler, Chef der Socutingabteilung, sieht´s fußballerisch: „Alle Mannschaften, die bei dieser WM über den Teamgeist kommen, sind noch hier. Diejenigen Mannschaften, die Spannungen innerhalb des Teams haben, sind schon wieder zuhause.“ Und er fragt, warum man in Fußball-Deutschland immer nach Typen rufe und was einen solchen Typen überhaupt ausmache. „Wir müssten erst einmal darüber diskutieren, was Führungsqualitäten sind…“
Aber die interessanteste Theorie eines Außenstehenden aus der Schweiz liefert Siegenthaler auch: Das größte Problem in Deutschland sei das folgende: „Haben wir ein Problem mit einer Brücke – dann bauen wir halt eine neue Brücke. Ohne zu überlegen, wie wir sonst über das Wasser kommen. Oder ob die alte Brücke vielleicht sogar reparabel ist.“ Und übertragen auf den Fußball heißt das: Wenn zum VfB (oder zu Schalke oder zu Nürnberg) ein neuer Trainer kommt und sagt: Wir haben ein Problem in der Abwehr, kauft man schnell einen neuen Verteidiger. Ohne zu überlegen: Kann ich meine Verteidiger, die ich habe, so verbessern, dass sie diese Aufgabe auch erfüllen? Oder kann ich das ganze Spielsystem so umstellen? Wer garantiert denn, dass der neue Verteidiger besser ist als der alte? Und spätestens nach zwei Jahren kommt irgendwann der nächste Trainer – und will wieder einen anderen Verteidiger. So wird das Geld ausgegeben, anstatt es in die Ausbildung der Spieler zu stecken. Es hat bereits ein Umdenken bei den Vereinen angefangen – nach dieser WM wäre es kein Fehler, dies zu verstärken.
Es ist vielleicht eine weitere Botschaft, die von diesem Team ausgehen kann: Man verbessert sich nicht durch Reden oder durch Interviews – man verbessert sich nur durch Üben, Training und Arbeit.
Diese Mannschaft und der Trainer sind einfach – normal. Sie feiern ein bisschen, wenn sie gewonnen haben, sie haben Interessen wie andere Leute dieses Alters. Natürlich verdienen sie viel Geld, natürlich wird ihnen alles abgenommen und natürlich wissen wir nicht, wie sie sich in ein paar Jahren präsentieren – aber sie bringen in Südafrika allen Menschen viel Respekt entgegen. Egal ob es die Mitarbeiterinnen im Hotel sind oder die Journalisten.
So haben sich auch viele Diskussionen erübrigt in den vergangenen Tagen. Was wurde Manager Oliver Bierhoff kritisiert für die Auswahl des Hotels und für die hohen Kosten, die dieses Quartier verursacht. Spätestens jetzt, mit dem Erreichen des Viertelfinales ist man aber wieder in der Gewinnzone – so wie bei allen Turnieren seit 2006. Das Trainingslager in Südtirol war das erste, das für den DFB völlig kostenneutral gestaltet werden konnte – und das ist sicherlich ein Verdienst von Oliver Bierhoff. Vor allem, weil die Trainer trotzdem optimale sportliche Bedingungen vorfanden. Seit Oliver Bierhoff in diesem Amt ist, hat die Nationalmannschaft ihren Wert und auch ihr Image erheblich gesteigert. Neue Sponsoren konnten verpflichtet werden, auch die Zuschauerquoten gingen deutlich in die Höhe. Natürlich ist er nicht für alles Positive allein verantwortlich – das sollte dann aber auch nicht für das Negative gelten…
Der Trainer hält bei der Mannschaft die Spannung auch in dieser Woche hoch. Um zusätzliche Reize zu setzen bei der Vorbereitung hat er kurzfristig die Anreise nach Kapstadt um einen Tag auf den Donnerstag vorverlegt. Natürlich gewinnt man damit alleine kein Spiel. Aber die Spieler verinnerlichen mit einer veränderten Reiseplanung, dass diese Partie etwas ganz Besonderes ist.
Denn meine Theorie ist auch nicht von de Hand zu weisen. Ich sage, dass fast alle Spiele bei dieser WM in der ersten Viertelstunde entschieden werden. Wer in der Anfangsphase dominant auftritt, gewinnt das Spiel. Hat eigentlich bei dieser WM nicht immer diejenige Mannschaft gewonnen, die in Führung gegangen ist? Wie viele Spiele wurden gedreht? Mir fällt keines ein. Also ist es wichtig, von Anfang an hellwach zu sein. Und wenn man deswegen einen Tag früher fliegt.
Die Kanzlerin kommt – und spätestens in Kapstadt wird ihr beim Viertelfinalspiel zwischen Deutschland und Argentinien der Unterschied zwischen Fußball und Politik noch einmal vor Augen geführt: Hier gibt es nur einen Wahlgang. Vielleicht noch Verlängerung, vielleicht noch Elfmeterschießen – aber Entscheidungen sind im Vergleich zur Bundespräsidentenwahl hier relativ unwiderruflich. Es gibt keinen zweiten Wahlgang, bei dem man anders entscheiden kann als beim ersten.
Aber das Team und die Trainer halten Angela Merkel – völlig unabhängig von allen politischen Ansichten – vor allem eines zugute: Bei ihr spürt man die Ernsthaftigkeit ihrer Besuche. Sie kommt nicht der Schlagzeilen wegen zur Nationalmannschaft, sondern, weil sie mit der Mannschaft mitfiebert und bewundert, was hier in den vergangenen Jahren entstanden ist. Sie meldet sich bei den Verantwortlichen auch in schwierigeren Zeiten – und deshalb wird sie in diesem Kreis von allen respektiert.
Auch in unserer Männer-WG ist das Klima weiterhin gut – trotz des Ausscheidens der Japaner. Ich glaube, am Ende hatten die Japaner am meisten Angst davor, in einem Viertel- oder gar Halbfinale von einer starken Mannschaft so richtig zerlegt zu werden. So können sie sich nach der eher tragischen Niederlage gegen Paraguay erhobenen Hauptes auf den Heimweg machen. Unsere japanischen Kollegen Akira und Ohrui, mit denen wir seit mehr als drei Wochen Haus, Auto, Frühstücksraum, Arbeitsplätze und Freizeit teilen, bleiben hier und machen jetzt einen Plan für die nächsten Tage. Das Fußball-Fachmagazin Japans berichtet natürlich weiter ausgesprochen umfangreich aus Südafrika.
Der große Tross rund um die deutsche Mannschaft bewegt sich langsam aber sicher Richtung Kapstadt. Schon am Donnerstagabend fliegt die Mannschaft per Charter nach Johannesburg. Es sind nicht nur 1.500 km und zwei Stunden Flug – es sind auch 1.500 m Höhenunterschied zwischen dem Mannschaftshotel und dem Stadion in Kapstadt, das nicht weit vom Meer weg liegt. Die Höhenlage auf dem Plateau zwischen Johannesburg und Pretoria war ein wesentlicher Grund dafür, dass sich die deutsche Mannschaft hier niedergelassen hat. Die Teams spielen auch immer wieder in der Höhe von Johannesburg – und es ist kein Problem, von 1.500 m Höhe auf Meereshöhe zu reisen zu reisen und dort zu spielen. Umgekehrt würde sich ein echtes Konditionsproblem ergeben.
Also reist man mit viel Zuversicht und genügend roten Blutkörperchen zum Viertelfinalspiel. Und vor allem mit dem Wissen, eine Mannschaft zu haben, die mal wieder auf die Minute top-fit ist. Was wurden die amerikanischen Fitnesstrainer um Marc Verstegen (siehe Foto) belächelt, als sie 2004 ihre Arbeit bei der deutschen Nationalmannschaft aufgenommen haben – und wie effektiv ist diese Arbeit heute. Sicherlich hat Argentinien individuell herausragendere Spieler als Deutschland. Aber die Fitness und auch der Teamgeist können in Maradonas Truppe nicht besser sein.
Kapstadt – das war irgendwie immer der Fixpunkt in allen unseren WM-Planungen. Kapstadt zum Viertelfinale. Eine der schönsten Städte der Welt. Der Tafelberg. Das Kap der guten Hoffnung, das Stadion, die Weingegend und auch Robben Island – Ziele für mindestens eine Woche.
Jetzt bin ich seit Freitag, 6.45 Uhr unterwegs. Mit Andrew, unserem Fahrer zum Flughafen Lanceria. Dann der Zwei-Stunden-Flug nach Kapstadt. Um 12.30 Uhr im Stadion die Pressekonferenz mit Joachim Löw, um 16 Uhr das Training. Parallel spielt aber auch Brasilien gegen Holland – eine attraktive Angelegenheit. Ob da überhaupt noch Zeit bleibt für den Tafelberg oder Robben Island?
Wie viele haben mir vor allem nach den Verletzungen von Ballack und all den anderen mitgeteilt (oder insgeheim gedacht): Das wird eh nichts, ihr kommt ohnehin schnell wieder, wahrscheinlich schon nach den Gruppenspielen.
Wie oft gab es Gespräche mit dem immer gleichen Inhalt:
„Wie lange bleibst du?“
„So lange die deutsche Mannschaft mitspielt.“
„Oh je, dann kommst du bald wieder…“
Noch nach der vergebenen Großchance von den Australiern nach vier Minuten habe ich eine SMS erhalten: Das wird nichts. Gar nichts. Du bist bald wieder da.
Und wie viele hatten Angst nach der Auslosung: Wenn wir in der Gruppe Zweiter werden, kommen wir im Achtelfinale gegen England. Und das ist dann so oder so gleichbedeutend mit dem Aus. Gegen England haben wir keine Chance. Jetzt sind wir Erster geworden, sind trotzdem gegen England gekommen, weil die Zweiter wurden – und sind souverän im Viertelfinale angekommen. Klarer wie die meisten anderen Teams. Und unter den 24 Mannschaften, die schon wieder heimgefahren sind, befinden sich einige prominente Namen. Ganz nebenbei: Wir gehören schon wieder zu den drei besten Teams Europas. Neben uns sind nur noch Holland und Spanien im Rennen.
Schon vor der Weltmeisterschaft habe ich die Theorie aufgestellt: Wir sind KEINE Turniermannschaft. Wir sind nur besser, als wir in unserem Negativdenken immer voraussagen. Und wenn wir dann – wie immer – gut abschneiden, ziehen wir uns auf den Begriff Turniermannschaft zurück. Aber wir sind von Haus aus besser als die meisten glauben.
Die Spieler, die Trainer und die Mannschaft haben Vertrauen verdient. Sie haben in den letzten vier Jahren immer mehr erreicht, als wir ihnen zugetraut haben: Bei allen Turnieren und Qualifikationen schnitten sie hervorragend ab. Nur manches Mal, bei Freundschaftsspielen, da konnte das Team sein Potenzial nicht abrufen.
Machen wir uns nichts vor: Argentinien hat die besseren Einzelspieler. Argentinien hat einen Marktwert, der ungefähr fünf Mal so hoch ist, wie unserer. Vor der WM hätte Messi allein ungefähr fünf mal so viel gekostet wie unsere ganze Mannschaft zusammen. Aber war das nicht schon gegen England ähnlich? Und wie ist es mit dem Potenzial für die Zukunft? Unsere Mannschaft kann 2014 mit den gleichen Spielern antreten, die meisten Leistungsträger wie Neuer, Özil, Khedira, sogar 2018.
Ich bin weiterhin optimistisch und habe heute noch einmal die Wäsche zum Waschen gegeben. Die Mannschaft hat völlig unabhängig von dem Spiel am Samstag eine Begeisterung in Deutschland entfacht, wie es sie noch nie gegeben hat. Ein Sieg am Samstag gegen Messi, den weltbesten Spieler, und Co – das wäre das Sahnehäubchen.
Natürlich gab es auch in der Vergangenheit bei Weltmeisterschaften großartige Erfolge der deutschen Mannschaft. Aber noch 2002 bei der WM waren die Gegner nach den Gruppenspielen Paraguay, USA und Südkorea – und plötzlich war man im Finale gegen Brasilien, ohne einmal richtig überzeugt zu haben. Dieses Mal würde ein Weg folgendermaßen aussehen: England, Argentinien und evtl. Spanien. Der 4. Stern für Deutschland? Sollte dieses Kunststück gelingen, hätte man eigentlich zwei Sterne verdient…
Bleibt nur eine Frage: Wer bewacht beim Spiel gegen Argentinien nach Schlusspfiff Pressechef Harald Stenger? Gibt es Manndeckung? Der Pressechef und seine Jungs waren nach dem Spiel 2006 gegen Argentinien plötzlich mittendrin im Gerangel im Elfmeterschießen. Und am Ende wurde Thorsten Frings gesperrt. Aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte…
Warum ich mir wünsche bzw. gewünscht hätte, dass diese Länder Weltmeister werden bzw geworden wären
Deutschland
Weil dies für die Entwicklung des Fußballs bei uns so wichtig wäre: Konzentration aufs Wesentliche, ehrliche saubere Arbeit, keine Skandale, Klasse-Auftreten, offensive Spielweise, positive Ausstrahlung, Spaß – eigentlich gibt es tausend Gründe. Und noch mehr Besserwisser, die sich dann eigentlich erst mal entschuldigen müssten – aber sie würden es eh nicht tun. Ich sehe schon die Diskussionen: Staatstragend stehen sie nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft an ihren Stehtischchen, gegeelt und einer sagt: „Aber mal ganz ehrlich: Jetzt wird es doch für den deutschen Fußball ganz schwer – die Erwartungen sind so hoch.“ Da kriege ich heute schon die Krise.
Brasilien
Weil Fußball dort Religion ist und weil Carlos Dunga ein unglaublich guter Typ ist und nebenbei in Brasilien ein riesiges soziales Projekt hat.
Ghana (oder Elfenbeinküste, oder Südafrika, oder Nigeria, oder Kamerun)
Weil dieser Titel für diesen afrikanischen Kontinent so viel bedeutet hätte und den Menschen neues Selbstbewusstsein gegeben hätte.
Spanien
Weil mir der Fußball und die Philosophie gefällt, den Spanien und der FC Barcelona spielt. Und weil in diesem Land (zumindest beim FC Barcelona) der Verein höher bewertet wird als der Spieler. Das ist leider auch in der Bundesliga anders, wo die Spieler mehr Wichtigkeit haben als die Vereine – und deshalb die Berater mit den Vereinen oft umgehen, dass es fast an die Erpressung grenzt – und die Vereine sich erpressen lassen.
Warum diese Länder den Titel nicht unbedingt brauchen:
Holland
Weil die Spieler schon genug Selbstbewusstsein haben
England
Weil Fußball ein Mannschaftssport ist und weil Kriegssprache im Fußball nichts verloren hat.
Italien
Weil dieses Land mit schlechtem Fußball 2006 Weltmeister geworden und es nicht sein kann, dass sie mit noch schlechterem Fußball 2010 noch einmal Weltmeister werden.
Frankreich
Weil ich eine Mannschaft mit so vielen Skandalen nicht als Sieger sehen will – ja, ich will sie eigentlich nicht einmal mehr spielen sehen. Nicht einmal in der Kreisliga B. Aber mir ist klar: Diese Spieler werden bei ihren Vereinen nach der WM noch mehr verdienen als vorher. Wahrscheinlich hat mit ihnen bis zum heutigen Tag noch niemand gesagt, dass ihr Verhalten – unabhängig von der Qualität von Domenech – nicht ganz in Ordnung war. Sie fühlen sich sicherlich im Recht.
Argentinien
Weil es mich für Messi zwar freuen würde – aber dann automatisch auch Maradona Weltmeister wäre. Mehr Wahnsinn als Genie, oder? Ein Weltmeistertrainer, der in Japan beispielsweise gar nicht mehr einreisen darf wegen seiner Skandale? Und in anderen Ländern nicht mehr einreisen will, weil er riesige Schulden hat.
Portugal
Weil dann Christiano Ronaldo auch Weltmeister wäre…
Unentschieden:
Uruguay
Weil Diego Forlan ein Klasse-Spieler ist und ein richtig guter Typ. Weil es den Menschen in diesem Land viel bedeuten würde – aber der Fußball gefällt mir nicht so.
Es passiert ganz selten – aber jetzt ist es soweit: Ich bin sprachlos.
Der Vorteil für alle Fußballist-Leser – sie haben in den vergangenen Tagen schon so vieles gelesen, dass sie das jetzt auch einordnen können: Imagewerbung für Deutschland, seriöse Jungs, sympathisches Auftreten, Optimismus, Spaß, Lebensfreude. Lassen wir heute einfach die weltmeisterlichen Fotos von Markus Gilliar und Tobias Kuberski sprechen. Diese Bilder zeigen, dass meine Fotografen-Kumpels schon in Endspiel-Form sind.
Wir fliegen jetzt um 23.30 Uhr die zwei Stunden zurück von Kapstadt nach Johannesburg. Und dann geht es ab morgen früh Richtung Halbfinale nach Durban.
Neuer fängt den Ball. Spielt zu Boateng. Boateng zu Khedira. Der zu Kroos, Der zu Özil. Der zu Müller – und der trifft. 1:0 für Deutschland.
Das ist eine fiktive Szene. Nicht von der diesjährigen Weltmeisterschaft in Südafrika sondern von der Weltmeisterschaft 2018 (wahrscheinlich in Katar). In acht Jahren. All die genannten Spieler sollten dann auf dem Höhepunkt ihrer Karriere sein, alle so um die 30 Jahre alt. Zur Verdeutlichung: Sie sind dann alle noch deutlich jünger als es Michael Ballack heute ist.
Und wir reden bei Neuer, Boateng, Khedira, Özil oder Müller heutzutage nicht über fünf “Wasserträger“ sondern über tragende Säulen des deutschen Spiels. In der Hinterhand haben wir dann bei dieser WM mit Badstuber, Tasci, Aogo oder Marin noch einmal vier weitere Spieler, die in diesem Alter sind. Das heißt: Mit Neuer, Boateng, Khedira, Kross, Özil, Müller, Badstuber, Tasci, Aogo, Marin und dazu noch Andreas Beck haben wir eine Elf, die noch mindestens acht Jahre spielen kann, der mit Abstand älteste (Manuel Neuer) ist gerade mal 24 Jahre alt.
Deutschland verzaubert die Fußball-Welt und es scheint, als könnten wir uns an diesen Fußball gewöhnen. Schnell, attraktiv, mit purer Lust und mit einfacher Lebensfreude.
Bei früheren Bildern von den Pressekonferenzen der deutschen Mannschaft bei großen Turnieren habe ich immer gedacht, ich hätte mich verzappt und ich wäre in Guantanamo Bay gelandet und die Kriegsgefangenen werden vorgeführt. Immer so staatstragend, immer so ernst – und oft irgendwie übel gelaunt. Als ob es eine Strafe wäre, bei Welt- oder Europameisterschaften zu spielen. Aber: Man wohnt in den besten Hotels, hat die besten Trainingsplätze, die besten Bälle, die besten Schuhe – warum gibt es eigentlich für Fußballer Gründe, schlecht gelaunt zu sein. Andere schaffen die Qualifikation nicht oder sind – wie jetzt bereits 28 Mannschaften – schon wieder zuhause.
Nehmen wir einmal die höchste Instanz unserer Republik, die Kanzlerin, um diese Truppe zu beschreiben. Eigentlich ist es ja eine Nebensächlichkeit. Aber manches mal sagen Nebensächlichkeiten mehr als tausend Erklärungen und Thesen.
Als damals Helmut Kohl (ich glaube 1996 nach gewonnener EM) in der Kabine der deutschen Mannschaft war, sang die Mannschaft gemeinsam ein Lied: „Helmut senk den Steuersatz.“ Klar, auch ein Gute-Laune-Lied. Aber doch auch ein Zeichen des Egoismus, oder?
Jetzt kommt Angela Merkel in die Kabine. Und was macht Bastian Schweinsteiger: Er umarmt sie. Weißes Trikot gegen Roten Blazer. Und wahrscheinlich machte er ihr – wie schon einmal – ein Kompliment. „Was sie da anhaben, steht ihnen echt gut.“ Dann beklatschte die ganze Mannschaft die Kanzlerin, die hielt eine kurze launige Rede und man trank gemeinsam ein Bier aus der Flasche in der Kabine.
Die Kanzlerin ist wieder weg. Und wir hatten heute, am Tag nachdem Fußballgeschichte geschrieben wurde, einen ausgesprochen internationalen Tag. Zum Frühstück saßen wir unter schwarz-rot-goldenen Luftballons, die den Raum schmückten. Margarete hatte den Raum für den WM-Halbfinalisten dekoriert, der gegen England und Argentinien 8:1 Tore schoß. Nicht in Freundschaftsspielen, nicht in Gruppenspielen, bei denen es aufs Torverhältnis ankommt, sondern in K.o.-Spielen. Bei denen nahezu alle Mannschaften ein Tor schießen und sich dann zurückziehen. Wahnsinn. Aber der Sekt bei uns blieb wieder unangetastet. Schon vor der Abreise nach Kapstadt hatte uns Margarete kleine WM-Maskottchen als Glücksbringer aufs Bett gelegt. Hat alles genutzt.
Zwischendurch Gilleking beim Reifenwechsel. Plattfuss, ein Kilometer vor dem Mannschaftsquartier. Fünf Kilometer früher und er wäre mit seinem schicken Mercedes mitten im Township gestanden. Jetzt aber weiß ich: Markus Gilliar kann nicht nur weltmeisterlich fotografieren, sondern ich befürchte nach dieser Tat heute, dass er beim Endspiel am Sonntag gar nicht mehr fotografieren kann, sondern schon in Silverstone für Michael Schumacher die Reifen wechselt. Aber okay: Er hatte wertvolle Unterstützung seiner Fotografenkollegen. Konkurrenten beim Fotografieren – Helfer beim Reifenwechsel. Auch nicht schlecht.
Dann nach Johannesburg zu Jürgen Klinsmann ins Hyatt-Hotel. Auf einmal waren wir mitten in einer Party – bis es der „Halb-Amerikaner“ Klinsmann merkte: „Au ja, stimmt, 4. Juli, Unabhängigkeitstag“. Der Tunnelblick bei der WM. Das Hotel nahezu voll mit ESPN-Mitarbeitern. Barbecue, Musik, Kinder, Klasse-Stimmung.
Aber wo man auch hinkommt: Man wird nur auf die Leistung der deutschen Mannschaft angesprochen. Und auf das Auftreten dieser Mannschaft. Ich habe es noch nie erlebt, dass ein Team so viel Sympathie ausstrahlt. Egal, ob ich mit Stefano Bizotto von RAI (italienisches Fernsehen) oder mit den Amerikanern von ESPN spreche: Sie sind begeistert.
Und der Bundestrainer? Joachim Löw hat heute erst mal durchgeschnauft. Am Montag geht er wieder zur PK und eigentlich wäre es klasse, er würde mal eine Frage stellen: „Was sagen eigentlich diejenigen, die im Fernsehen gesagt und in der Zeitung geschrieben haben: Wenn bei Joachim Löw das Leistungsprinzip zählt, darf er Miroslav Klose oder Lukas Podolski nicht mitnehmen.“
Aber wir leben nicht in der Vergangenheit. Deshalb weiter in unserer internationalen Rundreise: Deutschland, USA – und zum Abschluss noch Japan. Akira und Ohrui, unsere japanischen Mitbewohner, haben uns zum Essen in ein japanisches Restaurant eingeladen. Markus Gilliar kennt Akira schon seit zehn Jahren. Dazu muss man wissen: Das Leben bei einer solchen WM ist oft nicht einfach – Stress, Müdigkeit, Warten, Fahren – da ist der Lagerkoller oft Stammgast. Aber nicht bei uns. Schon heute überkommt Wehmut für den Tag des Abschieds. Weil die Jungs wunderbar sind. Beim Essen: Erste Enttäuschung. Akira kann nicht – wie geplant – mit dem Wirt oder dem Koch reden. „Lauter Chinesen“, sagt Akira. Aber der weitere Verlauf sensationell. Und Akira in Hochform. Er bestellt („Master of Desaster“) und als alles geklappt hat, lehnt er sich ganz fett zurück, legt die Hände auf den Bauch und sagt: „You can say Jogira to me.“ So weit reicht die deutsche Sympathiewelle.
Bei der Bürgermeisterwahl in Wittnau im Schwarzwald hat Joachim Löw am Sonntag zwölf Stimmen bekommen. Das sind fast zwei Prozent. Ohne Wahlkampf, ohne persönliche Anwesenheit. So beliebt ist der Mann.
Dass Joachim Löw ein cooler Typ ist, weiß jeder, der ihn kennt – auch in Wittnau. Ich habe lange überlegt, wo für mich in bezug auf die Nationalmannschaft der Sinneswandel kam. Ich denke, es war in Südtirol, beim Training auf dem idyllisch gelegenen Platz in Eppan. Die Sonne strahlte, der Trainerstab war zufrieden – und ich spürte eine positive Stimmung, wie ich sie selten erlebt habe. Und da sagte ich auch abends erstmals: „Wenn Jogi Löw dieser Mannschaft sagen würde, um besser zu spielen, müssen wir heute nacht um vier Uhr trainieren, würden die Spieler antworten: Trainer, dann sind wir um halb vier auf dem Platz.”
Seither läuft es. Und wie. Der Bundestrainer hat immer wieder im kleinen Kreis über die unglaubliche Qualität geredet, die in dieser Mannschaft steckt. Aber ganz ehrlich: Wer hatte diese Leistungen nach diesen Ausfällen (Rolfes, Adler, Ballack, Träsch, Westermann) für möglich gehalten? Mir ist damals vor allem aufgefallen, dass man niemals ein einziges Klagen vernehmen konnte. Immer positiv. Nie gegen jemanden – immer für die Sache.
Da fällt mir ein: Was macht eigentlich Peter Neururer? Er hat die Reformen im deutschen Fußball am heftigsten angegriffen. Hat Jürgen Klinsmann („Anfänger“) verhöhnt, Joachim Löw („nicht mehr als ein Assistent“) beleidigt, hat die amerikanischen Fitnesstrainer denunziert („was die machen, habe ich schon vor Jahren als veraltet weggelegt“) und sicherlich auch Urs Siegenthaler („was für Erfolge hatte die Schweiz“) angegriffen. Und hat mal mitgeteilt: “Wenn bei Trainern das Wissen entscheidend wäre, müsste ich Real Madrid trainieren.”
Wo war in all diesen Jahren eigentlich der Bund der Deutschen Fußball-Lehrer oder auch der DFB? Darf man im Fußball außerhalb des Spielfeldes untereinander schlimmer foulen als auf dem Spielfeld?
Und was ist eigentlich mit dem DSF-Stammtisch? Was sagen diejenigen, die immer ohne jeglichen Widerspruch behauptet haben, Joachim Löw hätte das Leistungsprinzip außer Kraft gesetzt. Jetzt haben sie im Fernsehen an verantwortlicher Stelle den Sieg gegen Argentinien bejubelt und Joachim Löw gelobt – ohne rot zu werden. Gibt es ein “Best off” der Kritiken an Löw?
Ich gebe es zu, ich habe schon ein paar Lieblingsthemen, die man nicht oft genug wiederholen kann:
2006 – Motto: Die Welt zu Gast bei Freunden. Alle werden wie Gäste empfangen – nur die amerikanischen Fitnesstrainer werden in Fußballerkreisen öffentlich lächerlich gemacht.
2010 – wir sind mit der Nationalmannschaft dank der amerikanischen Fitnesstrainer den anderen Teams in punkto Fitness und Schnelligkeit um Längen voraus.
Scouting:
Angesichts von 900 Fußballtrainern in Deutschland schrie man 2004 auf: Brauchen Klinsmann und Löw einen Schweizer (Urs Siegenthaler)?
2010 – wir sind besser eingestellt auf den Gegner als alle anderen Teams.
Psychologie:
2006 – ein Psychologe im Fußball? Brauchen wir nicht. Sind schließlich 1990 auch ohne Psychologe Weltmeister geworden.
2010 – Hans-Dieter Hermann ist ein geschätzter Mann im Team.
Und, und, und. Wo anfangen, wo aufhören?
Jetzt geht es am Mittwoch im WM-Halbfinale gegen Spanien. Oder wie der Bundestrainer sagt: „Die haben nicht nur einen, die haben mehrere Messis.“
Bevor wir an die Gesamtbeurteilungen des Turnieres gehen, einer meiner größten Aufreger: Wie können sich die Leute auf der Trainerbank (wie die Argentinier) bei einer WM 90 Minuten so gebärden, ohne dass der Schiedsrichter oder der vierte Mann richtig eingreift? Für was wurde eigentlich Jogi Löw bei der WM auf die Tribüne geschickt? Dieses Gelbe Karten-Fordern – das regt mich auf.
Und auch die Spieler. Die hauen einen Gegner im Strafraum klar um – und beschweren sich über Elfmeter. Die Argentinier – 90 Minuten nur am Gestikulieren. Und am Stimmung machen.
Aber das ist es, was die Leute an der deutschen Mannschaft bewundern. Ruhe auf der Trainerbank, Ruhe in der Mannschaft. Einfach den anderen Leuten, die hier bei einer WM in verschiedenen Positionen im Einsatz sind, den notwendigen Respekt entgegen zu bringen.
Ach ja, bei Respekt – da wären wir wieder bei Peter Neururer. Jetzt ist mir wieder eingefallen, womit er mir beim letzten Mal aufgefallen ist: Er wurde am 3.11.09 von der Polizei irgendwo im Ruhrgebiet geschnappt. Im Auto hatte er ein Blaulicht und eine Schreckschuss-Pistole…
Der Plan steht: Von morgen vormittag bis zum späten Mittwochabend. Hier lesen Sie, wie sich die deutsche Mannschaft bis zum Spiel vorbereitet. Hinzu kommen noch Einzelgespräche mit den Spielern, Gruppensitzungen (mal Abwehr, mal Angriff) usw.
DIENSTAG, 6. Juli
bis 9.30 Uhr: Wecken und Frühstück 10.00 Uhr: Pressekonferenz mit Teammanager Oliver Bierhoff im DFB-Hotel Velmore Grande 11.30 Uhr: Fahrt der Mannschaft und des Betreuerstabes mit einer Polizei-Eskorte vom WM-Quartier Velmore Grande zum Flughafen Lanseria International Airport 30 Kilometer nordwestlich von Johannesburg 12.30 Uhr: Abflug der Mannschaft mit einer Chartermaschine von Lanseria nach Durban. Geplante Ankunft: 13.30 Uhr. Anschließend Weiterfahrt zum DFB-Quartier Riverside Hotel in North Durban (geplante Fahrtzeit 30 Minuten) ab 14.00 Uhr: Essen (Fisch, Fleisch, Nudeln, Kartoffeln, Salate und Obst) 15.30 Uhr: Mannschaftsbesprechung 17.00 Uhr: Abschlusstraining auf dem Platz der Northlands Primary School in der Nähe des Moses-Mabhida-Stadions in Durban gegen 19.00 Uhr: FIFA-Pressekonferenz mit Joachim Löw und einem Spieler 20.00 Uhr: Abendessen (Fisch, Fleisch, Nudeln, Kartoffeln, Salate und Obst) bis 23.00 Uhr: Bettruhe
MITTWOCH, 7. Juli
bis 10.00 Uhr: Wecken und Frühstück 11.30 Uhr: leichtes Anschwitzen (30 Minuten) 13.00 bis 14.00 Uhr: Mittagessen (Fisch, Fleisch, Nudeln, Kartoffeln, Salate und Obst). Anschließend Mannschaftsbesprechung und Ruhezeit 16.00 Uhr: Kaffeetafel und Abschlussbesprechung. Anschließend individuelle Vorbereitung 18.15 Uhr: Abfahrt mit Polizei-Eskorte vom Hotel zum Moses-Mabhida-Stadion 19.15 Uhr: Geplante Ankunft im Stadion 19.45 Uhr: Warmmachen der Mannschaften 20.25 Uhr: Abspielen der Nationalhymnen 20.30 Uhr: Anpfiff 22.30 Uhr: Pressekonferenz mit Joachim Löw und Mixed-Zone mit den Spielern
DONNERSTAG, 8. Juli
00.30 Uhr: Rückflug der Mannschaft von Durban nach Lanseria. Geplante Ankunft: 1.30 Uhr – anschließend Weiterfahrt ins Mannschaftsquartier Velmore Grande (20 Minuten)
ab 9.00 Uhr individuelles Frühstück
Schade, dass sich die Zeit in Südafrika dem Ende zuneigt. Jetzt sind wir mehr als vier Wochen im Lande und seit heute haben wir ein neues Stammlokal. Vom Abmbiente her vergleichbar mit den Sternerestaurants in Baiersbronn. Mindestens. Claus-Peter Lumpp, den ich bewundere, weil er als Koch ein Genie und trotzdem so fleißig ist, wäre begeistert, Paul Bocuse würde völlig ausflippen.Und trotzdem sind die Preise gut bürgerlich.
Es ist nicht nur die exorbitante Küche, die dieses Lokal so einzigartig macht. Auch das Restaurant besticht durch das einmalige Interieur. Die Kritiker sind sich einig: Es gibt kein anderes Restaurant, in dem es eine solch gelungene Symbiose zwischen Speisekarte und Atmosphäre gibt. Hundertprozentige Identität von Speisen, Getränken und Umfeld – das erwähnen die Experten immer besonders.
Was das alles mit der Fußball-Nationalmannschaft zu tun hat? Mehr als Sie denken. Bundestrainer Löw hat für das Spiel gegen Argentinien für einen Sieg mit vier Toren Unterschied ein Essen in diesem Restaurant ausgesetzt. Da wundert es niemanden mehr, dass diese Mannschaft bis zum Schluss kämpfte. Normalerweise beträgt die Wartezeit auf einen Sitzplatz derzeit zwei Jahre.
Sollten Sie, lieber Leser, einmal auf diesen Kontinent kommen – auch der weiteste Umweg lohnt sich. Weinreisen nach Südafrika sollten künftig hier vorbeiführen. Es ist sogar zu überlegen, ob man nur für einen Besuch in diesem Lokal von Deutschland hierherfliegt. Ein Wochenende mit Besuchen in diesem Restaurant, ein bisschen Wellness, ein bisschen genießen – hier ist alles garantiert.
Die Bedienungen sind von einer einzigartigen Freundlichkeit. Ebenso sticht das Restaurant durch die Variationen in der Speisekarte hervor aus der Vielzahl der guten Restaurants hier in dieser Gegend. Mit der Eröffnung dieses Lokals vor kurzem konnte die südafrikanische Küche klar an der französischen vorbeiziehen. Alle Beteiligten verfügen über langjährige Erfahrung in der Spitzengastronomie. Der Sommelier ist ein wahrer Meister seines Fachs.
Schon überlegen die Verantwortlichen, Filialen in New York, London und Baiersbronn zu eröffnen. Selbst in Paris. Geschäftsführer V. U. Zuela ist sich sicher: “Wir wollen ganz bewußt in die Höhle des Löwen, um uns dort zu präsentieren.”
Parkplätze sind vorhanden, genießen Sie die Sonne Südafrikas auf der wundervollen Terrasse.
Spezialitäten des Hauses sind: Pommes, Ketchup, Mayo und Dyarrhoe.
Plötzlich will es keiner mehr gewesen sein. Keiner will mehr Bundestrainer Löw kritisiert haben – jeder will ihn gelobt haben. Und sollte Deutschland heute gewinnen, bin ich mir sicher: Die ersten werden dann sagen: Irgendwie hatte ich schon an Weihnachten so ein Gefühl, dass diese Mannschaft eine Sensation schaffen könnte.Gucken Sie die Fernsehsendungen genau an.
Bis Sonntag werden wir dann minütlich mehr finden, die dieses Gefühl hatten. Bis wir dann plötzlich geschätzte 104 Prozent haben, schon immer wussten, dass diese Mannschaft ins Finale kommen kann…
Aber Vorsicht: Es sind die gleichen, die bei einer Niederlage beim Spiel gegen Spanien, den amtierenden Europameister, sagen: “Ich habe es schon an Silvester gesagt: Dieser Mannschaft fehlen die Typen.”
Wahrscheinlich gibt es auch niemanden mehr, der die Vergabe der WM nach Südafrika kritisiert hat. Noch ist die WM nicht vorbei, aber ich gehe davon aus, dass auch die letzten fünf Tage dieser Veranstaltung perfekt organisiert sein werden. Ich kenne schon die Namen einiger, die dies immer gewußt haben. Ehrlich: Wie man mit den Südafrikanern umgegangen ist, das war nicht okay – man hat ihnen schlicht und einfach nicht zugetraut, so etwas zu veranstalten. Das ist natürlich ein gesondertes Thema wert zum Abschluß, aber sagen wir es mal so: Die Vorstellung war doch folgendermaßen: Auf dem Weg ins Stadion wartet der Besucher zunächst sieben Stunden auf ein Taxi. Dann fährt er selber und wird unterwegs ca. vier mal überfallen (Hängt von der Zahl der Kreuzungen ab). Kommt er dann doch an, muss er beim geplanten Spielbeginn noch zwei Stunden warten, da die Zuschauer noch nicht da sind, weil es kein öffentliches Verkehrssystem gibt und die Fahrer der Mini-Taxis streiken. Am dritten Tag geht ihm das Geld aus, weil alles so teuer ist. Der Taxifahrer nimmt ihn aus wie eine Weihnachtsgans. Am vierten Tag muss er wegen seinen Erfrierungen in ein dubioses Krankenhaus, wo er aufpassen muss, dass er an der Türklinke sich nicht mit Aids inifiziert. Dies alles aber nur, sofern er nicht zuvor von freilaufenden Löwen gefressen wurde. Gerade so, als hätte man die Leute mit der Gewalt der Worte von einem Besuch in Südafrika abhalten wollen.
Wir wollen nichts bagatellisieren. Aber die gefährlichste Situation, die wir in den viereinhalb Wochen, die wir jetzt hier sind, erlebt haben, war beim Abendessen im Steakhaus Godfather, wo das Steakmesser hätte abrutschen können und wir uns am Oberschenkel hätten verletzen können.
Heute Durban. Wir fahren sechs bis sieben Stunden in diese Stadt. Als Einstimmung und auch als Beweis für die südafrikanische Baukunst hier das Stadion in der Stadt, die plant, sich für Olympische Spiele zu bewerben. Was die Südafrikaner inzwischen wissen: Dann kommen aber wieder die Horrorberichte…
Relativ exklusiv war unser Fotograf Markus Gilliar auch in der Kabine, in der sich Lahm, Neuer und Co heute abend vorbereiten.
Fast wäre dem Sommermärchen ein Wunder gefolgt. Aber kurz vor Vollendung gab es einen Spielverderber in Gestalt der spanischen Nationalmannschaft. Der amtierende Europameister stoppte die junge deutsche Nationalmannschaft im Halbfinale der Weltmeisterschaft durch einen 1:0-Sieg.
Wie schon vor vier Jahren bei der WM in Dortmund war es eigentlich nur eine Szene, die den deutschen den Einzug ins Finale verwehrte. Aber seien wir ehrlich und nehmen wir uns die Nationalmannschaft als Vorbild: Es gibt Momente im Sport, da muss man einfach die Überlegenheit des Gegners anerkennen. Spanien war an diesem Tag sicherlich ein bisschen besser. Beim deutschen Team hinterließen die kräfteraubenden Siege gegen Argentinien und England Spuren, hinzu kam die Brisanz dieses Viertelfinales, so dass dem deutschen Team etwas die Leichtigkeit fehlte. Aber entscheidend war sicherlich die Leistung des Gegners, der einfach kaum Chancen zuließ.
Ob es Elfmeter war in der 41. Minute? Der nicht gegebene klare Freistoß an der 16 Meter-Linie in der 88. Minute? Lassen wir es. Spanien war stärker, wußte zudem genau, wie man in solchen Spielen zu spielen hat.
Trotzdem gibt es für das Team von Joachim Löw keinen Grund, die Köpfe hängen zu lassen. Man hat Fußball-Deutschland verzaubert – und das Turnier ist beileibe noch nicht zu Ende. Am Samstag kommt das Spiel um Platz drei – und was dies bedeutet, weiß man in Deutschland seit dem Spiel vor vier Jahren in Stuttgart gegen Portugal.
Es war nicht so wie bei Tschik Caijkovski, der als Trainer von Bayern München nach einer Auswärtsschlappe auf dem Heimflug gesagt hat: “Beste ist, Flugzeug stürzt ab.”
Eigentlich gibt es keinen Grund zu depressiven Gedanken. Natürlich war der Absturz am Mittwoch im Moses-Mabhiba-Stadion in Durban brutal. Von der Wolke der Euphorie in den Alltag – das nimmt jeden mit. Aber diese Mannschaft hat für fast vier Wochen ein ganzes Land verzaubert.
Und ganz ehrlich: Dieses Jungs sind keine schlechteren Jungs, nur weil sie an diesem Abend auf eine Mannschaft getroffen sind, die an diesem Tage noch besser war. Dieser Trainer ist kein schlechterer Trainer, nur weil Spanien (ausgerechnet) an diesem Tage sein bestes Spiel bei dieser WM machte. Xavi, Iniesta, Villa usw. – die spielen so seit drei Jahren zusammen – und wenn es dann ein bisschen eng wird, dann wechseln die Fernando Torres ein…
Fußball ist nicht Weitsprung oder Eiskunstlaufen – es gibt hier immer einen Gegner, der dich nicht zur Entfaltung kommen lassen will. Gegen England und Argentinien hatten wir unsere Stärken dort, wo diese Mannschaften ihre Schwächen hatten. Gegen Spanien trafen zwei Mannschaften aufeinander mit nahezu identischer Spielausrichtung. Da setzt sich am Ende eben der Bessere durch.
Und komme jetzt keiner, der sagt: Mit Ballack, Frings, Kuranyi oder auch Rolfes und Westermann wäre das nicht passiert. Wir hätten mit diesen Spielern einen ganz anderen Fußball gespielt. Und man darf dann nicht nur das Spiel gegen Spanien sehen, sondern auch das gegen Argentinien. Hätten wir mit den genannten gegen Argentinien auch so gespielt? Oder gegen England? Keiner kann sagen, dass der Fußball schlechter gewesen wäre oder besser. Aber er wäre anders gewesen.
Der Trainer hat sich für diese Art Fußball entschieden und immer gesagt, er möchte an der WM gemessen werden.
Noch zu uns: Wir sind um 24 Uhr in Durban losgefahren.Die Autofahrerei ist zwar echt mühsam hier – aber die Fliegerei manchesmal an solchen Tagen erfahrungsgemäß auch. Der Luftraum ist an solchen Tagen völlig überlastet. Drei Flugzeuge konnten in Durban deshalb nicht landen. Also sind wir mit unserem VW-Bus mit Fahrer Lukas (nicht Podolski) durch die Nacht getuckert. Kurz vor sieben Uhr waren wir daheim. Müde, enttäuscht, Kreuzweh vom Sitzen. Aber das Highlight unterwegs an der Autobahnraststätte hat uns Gesprächsstoff für eine halbe Stunde gegeben. Diese Menschen haben andere Sorgen, als die Deutung einer Niederlage im Fußball gegen Spanien, oder? Und: Wie weit würde man in Deutschland mit diesem Fahrzeug kommen?
Wir waren doch alle mal jung. Und Hand aufs Herz: Haben wir uns nicht immer über die Sprüche aufgeregt, dass früher alles besser gewesen sei?
Aber es hat nichts geändert. Immer wieder. Früher, früher, früher. Bei Fußballern ist dies ganz besonders ausgeprägt. „Weißt du noch? “ Das ist ein wesentlicher Wesenszug der „alten Fußballfamilie“. In Kleinkleckersdorf, Matteshörlesbach oder Hintertupfingen redet man über den Vereinsausflug von 1998 und dabei insbesondere darüber, wer am meisten Bier getrunken hat und wer am meisten mit der Bedienung geflirtet hat. Bei den professionellen Spielern ist es die WM von 1990. Oder noch früher. Und nach zwei Bier sagt man: Damals hat man auch keinen Sportpsychologen gebraucht, keinen Ernährungsberater – und ist trotzdem Weltmeister geworden. Und dann klopft man sich auf die Schenkel – und erzählt wieder von früher. Es soll sogar Leute geben, die leben nur noch von diesen alten Geschichten…
Wie hat Urs Siegenthaler, der Chef-Analytiker von Joachim Löws Team, nach einer Besprechung mit professionellen Trainern, bei der es ähnliche Themenschwerpunkte gab, mal gesagt: „Wenn wir von früher reden, gehe ich wieder heim. Das ist für mich in meinem Beruf Zeitverschwendung. Ich bin nur dabei, wenn wir von der Gegenwart oder gar von der Zukunft reden.“
Wie ein Riesen-LKW ist der Zug der Zeit über diese Leute hinweggerast – aber sie merken es nicht und suchen verzweifelt noch nach Öffentlichkeit mit ihren alten Geschichten. Dabei müssten ja insbesondere diejenigen Spieler, die Deutschland in den Jahren um die WM 1982 in Spanien repräsentierten, eigentlich eher vor Scham in den Boden versinken, wenn die Rede auf früher kommt. Heute in Südafrika steht auf dem Tagesplan der Mannschaft beispielsweise: Wecken um 9 Uhr! 1984 waren im Trainingslager am Schluchsee („Schlucksee“) oder bei der WM in Spanien um diese Zeit wahrscheinlich noch gar nicht alle daheim…
Aber es gibt genügend Fernsehstammtische auf dieser Welt, wo das noch glorifiziert oder zumindest belächelt wird. Wie armselig eigentlich.
Was gab es für Widerstände für Jürgen Klinsmann und Joachim Löw, als man 2004 gar einen Sportpsychologen zur Nationalmannschaft holte. Das war der Bier-Schweiß-Kameradschaft dann doch etwas zu suspekt. Selbst heute, nach diesem grandiosen Imageschub für die Nationalmannschaft und für den deutschen Fußball, sagen die Vertreter der Bundesliga in Interviews, pünktlich zum Halbfinale: Die Personalkosten der Nationalmannschaft seien zu hoch, das Umfeld zu aufgebläht. Dabei sind die Anforderungen an eine Nationalmannschaft gewaltig gestiegen.
Hans-Dieter Hermann, der in Ludwigsburg aufgewachsen ist und im Schillergymnasium sein Abitur abgelegt hat, ist der Sportpsychologe, der jetzt im Mannschaftshotel Velmore am meisten gefordert ist. Nicht nur, weil Joachim Löw erkältet im Bett liegt. Wie schon vor vier Jahren im Schlosshotel Grunewald in Berlin, nach der nicht minder dramatischen Halbfinalniederlage gegen Italien und dem anschließenden Spiel um Platz drei gegen Portugal muss Hermann ran. Aber diesesmal kann der Psychologe nicht auf schwäbische Unterstützung hoffen: Das Spiel findet diesesmal nicht in Bad Cannstatt sondern in Port Elizabeth statt.
Das Spiel um Platz drei – es war in Deutschland ein Riesenereignis – normalerweise eher lästiges Übel. Oder wie man auch sagen kann: „Ein Spiel – so unnötig wie eine Sirene auf einem Leichenwagen.“
Man merkt: Der Alltag hat uns wieder. Noch vor dem Halbfinale in Port Elizabeth begann über Nacht ein Riesenhype. Kampagnen, Interviews, Statements, Werbeanzeigen – plötzlich waren auch alle diejenigen wieder an Bord, die noch vor fünf Wochen den fussballerischen Untergang des Abendlandes in Südafrika vorhergesagt hatten. Sie wollten noch schnell auf den Zug aufspringen, den der Bundestrainer mit seinem Team angeschoben hatte und auf dem schon die Fans saßen.
Aber dann kam Spanien. Natürlich war Spanien die bessere Mannschaft an diesem Abend doch nicht immer gewinnt im Fußball die bessere Mannschaft. Und trotzdem: Wenn ich neben Deutschland einer Mannschaft den Titel gönne – dann ist es Spanien. Eine spielstarke Mannschaft, an der man nichts aussetzen kann. Da wird nicht brutal gefoult, da gibt es kein Lamentieren, kein Reklamieren – das hat mich bei anderen Teams wirklich aufgeregt.
Natürlich kann man geteilter Meinung sein, ob es in Berlin oder Frankfurt hätte Feierlichkeiten geben sollen nach einem dritten oder vierten Platz bei der Weltmeisterschaft. Aber viel wichtiger ist die Begründung der Spieler. Es geht nicht – wie bei Vorgängermannschaften – um die Zeit, die man für die Fans nicht hat, weil man gleich in den Urlaub will, sondern es geht darum, dass man erst richtig feiern will, wenn man den Pokal mit heim bringt. Und das spricht ist der Beweis dafür dafür, dass heute doch vieles besser ist als früher. Zumindest im Fußball.
Die Trainer. Vor allem in Deutschland immer wieder die Schuldigen an allem fußballerischem Übel.
Vor Jahren gab es mal die beste Darstellung eines Trainers – von Giovanni Trappatoni. Und was haben wir gemacht? Wir haben uns über das schlechte deutsch von Giovanni Trappatoni amüsiert. Dabei ist das, was er gesagt hat, eigentlich ein Vermächtnis. Nicht die „Flasche leer“ – sondern „ein Trainer ist kein Idiot“.
Erstmals, also weltexklusiv, haben wir die berühmte Rede von Trappatoni auf hochdeutsch (oder zumindest auf schwäbisch) übersetzt. Den Anfang konnten wir sogar auf die deutsche Nationalmannschaft übertragen. Aber den zweiten Teil dann nicht mehr. Wir haben hier keinen Basler, keinen Scholl und keinen Strunz.
Und den Link dazu gibt es hier auch:
Die Rede
“Es gibt im Moment in diese Mannschaft, oh, einige Spieler vergessen ihren Profi was sie sind. Ich lese nicht sehr viele Zeitungen, aber ich habe gehört viele Situationen.”
“Wir haben nicht offensiv gespielt. Es gibt keine deutsche Mannschaft spielt offensiv und die Namen offensiv wie Bayern. Letzte Spiel hatten wir in Platz drei Spitzen: Elber, Jancker und dann Zickler. Wir mussen nicht vergessen Zickler. Zickler ist eine Spitzen mehr, Mehmet mehr Basler.”
“Ist klar diese Wörter, ist möglich verstehen, was ich hab’ gesagt? Danke.”
“Offensiv, offensiv ist wie machen in Platz.”
“Ich habe erklärt mit diese zwei Spieler: Nach Dortmund brauchen vielleicht Halbzeit Pause. Ich habe auch andere Mannschaften gesehen in Europa nach diese Mittwoch. Ich habe gesehen auch zwei Tage die Training. Ein Trainer ist nicht ein Idiot! Ein Trainer sehen was passieren in Platz. In diese Spiel es waren zwei, drei oder vier Spieler, die waren schwach wie eine Flasche leer!”
“Haben Sie gesehen Mittwoch, welche Mannschaft hat gespielt Mittwoch? Hat gespielt Mehmet, oder gespielt Basler, oder gespielt Trapattoni? Diese Spieler beklagen mehr als sie spielen!”
“Wissen Sie, warum die Italien-Mannschaften kaufen nicht diese Spieler? Weil wir haben gesehen viele Male solche Spiel. Haben gesagt, sind nicht Spieler für die italienische Meisters.”
“Struuunz! Strunz ist zwei Jahre hier, hat gespielt zehn Spiele, ist immer verletzt. Was erlauben Strunz?! Letzte Jahre Meister geworden mit Hamann, eh…, Nerlinger. Diese Spieler waren Spieler und waren Meister geworden. Ist immer verletzt! Hat gespielt 25 Spiele in diese Mannschaft, in diese Verein. Muß respektieren die andere Kollegen!”
“Haben viele Kollegen, stellen sie die Kollegen in Frage! Haben keine Mut an Worten, aber ich weiß, was denken über diese Spieler. Mussen zeigen jetzt, ich will, Samstag, diese Spieler mussen zeigen mich, eh…, seine Fans, mussen alleine die Spiel gewinnen. Muß allein die Spiel gewinnen!”
“Ich bin müde jetzt Vater diese Spieler, eh…, verteidige immer diese Spieler. Ich habe immer die Schulde… über diese Spieler. Einer ist Mario, einer, ein anderer ist Mehmet. Strunz dagegen, egal, hat nur gespielt 25 Prozent diese Spiel!”
“Ich habe fertig!”
Die Übersetzung, das Vermächtnis
Es gibt Zeiten im Fußball, da vergessen viele Spieler und Personen im Umfeld, dass sie Profis sind. Ich lese kaum Zeitungen, aber ich höre viel.
Ich höre, wir hätten gegen Spanien nicht offensiv gespielt. Falsche Taktik usw. Dazu sage ich nur: Keine deutsche Nationalmannschaft hat jemals so offensiv gespielt wie wir bei dieser WM. Müller, Podolski, Özil, Klose – in allen Spielen hatten wir vier Spitzen. Und wir sollten dabei auch Schweinsteiger nicht vergessen. Er ist der offensivste Mittelfeldspieler von allen defensiven bei dieser WM.
Ich denke, dies müsste doch deutlich sein. Wir haben mit dieser Taktik in drei Spielen jeweils vier Tore geschossen: Argentinien, England und Australien. Wie kann man da von defensiv reden, von einer Spitze.
Glauben Sie mir. Ich habe alle anderen Mannschaften gesehen bei dieser Weltmeisterschaft. Ihre Spielweise und ihre Taktik. Und ich sehe auch jeden Tag alle Trainingseinheiten.
Mir ist wichtig: Ein Trainer ist kein Idiot. Ich lasse doch keine besseren Spieler zuhause in Deutschland. Ich will doch auch gewinnen. Ich habe einen Plan, dafür habe ich Tag und Nacht gearbeitet. Und diesen Plan will ich umsetzen. Ich sehe doch alles, was passiert auf dem Spielfeld – in der Bundesliga und in der Nationalmannschaft.
Und jetzt wieder zu Trappatonis Bayern. Es läuft in dieser Nationalmannschaft so gut, dass man momentan keine Vergleiche ziehen kann. Und über andere Zeiten wollen wir hier nicht reden.
Haben Sie die Mannschaft beim Spiel gesehen? Wer stand auf dem Feld? Stand da Scholl, Basler oder hat etwa Trappatoni gespielt? Manche Spieler beschweren sich nur – aber spielen nie. Und wenn sie spielen, spielen sie nicht gut.
Wissen Sie, warum die ausländischen Spitzenteams keine deutschen Spieler kaufen? Weil auch sie diese Spieler sehen.
Strunz. In den letzten zwei Jahren hat er maximal zehn mal gespielt. Er ist immer verletzt. Was erlaubt er sich? Bayern ist Meister geworden mit Hamann und Nerlinger. Das sind richtige Spieler. Aber Strunz ist immer verletzt. Er muss doch die Kollegen respektieren.
Es gibt hier viele Spieler, die ihre Kollegen schlecht machen. Hintenrum, über Berater und Journalisten. Sie haben nicht einmal den Mut, es mir zu sagen. Aber ich weiß, welches Spiel da gespielt wird. Sie sollen einfach mal auf dem Platz was zeigen und das Spiel am Samstag gewinnen.
Ich bin müde, immer die Spieler zu verteidigen. Erst Mario Basler, dann Mehmet Scholl, dann wieder Strunz. Die Spieler sollen einfach mal auf dem Platz was zeigen, nicht in Interviews. Immer soll ich schuld sein.
Mir reicht´s.
P.S.: Vielleicht sollten viel mehr Menschen diese Übersetzung lesen und ab und zu kurz nachdenken. Kann nie schaden.
Seit Tagen merkt man hier irgendwie, dass sich die Weltmeisterschaft dem Ende zuneigt. Wir von der Männer-WG hatten am Freitag zum Abschluss unseres fünfwöchigen Aufenthaltes unsere Herbergschefin Margarete und ihren Mann zum Essen eingeladen. Und erstmals lief im japanischen Restaurant im Fernsehen keine Wiederholung irgendeines WM-Spieles, sondern Rugby.
Die Luft ist also fast überall ein bisschen raus – außer bei der deutschen Mannschaft. Was war das für ein großartiger Abschluss eines großartigen Turniers. Wie Phönix aus der Asche – so war das deutsche Team bei dieser Fußball-Weltmeisterschaft auferstanden und war durch nichts zu stoppen – außer den außergewöhnlich guten Spaniern. Am Samstag gab es durch einen 3:2-Sieg gegen Uruguay in Port Elizabeth wie schon vier Jahre zuvor in Stuttgart die Bronzemedaille.
Platz drei mit diesem Team – wohl noch nie hat eine so junge Mannschaft eine Medaille bei einer Weltmeisterschaft gewonnen. Besonders bemerkenswert: Sie überzeugte in wirklich allen Belangen. In den ersten sechs Spielen war es vor allem die Spielkunst, die beeindruckte und nur gegen Spanien nicht zur Entfaltung kam. Im siebten Spiel aber zeigte diese Mannschaft gegen Uruguay, dass sie auch Kampfspiele gewinnen kann. Als mit Schönspielereien im strömenden Regen von Port Elizabeth nichts auszurichten war, änderte man die Gangart und zeigte Charakter. Gleich nach der Halbzeit war man in Rückstand geraten, aber wie die deutsche Mannschaft dieses Spiel umbog – das war herausragend.
Zugegeben, die Uruguayer hatten Pech mit dem Lattenschuss von Diego Forlan in der letzten Minute. Aber schon in der ersten Halbzeit hatte Arne Friedrich die Latte getroffen und kurz vor dem Freistoß von Forlan hatte Stefan Kießling das 4:2 auf dem Fuß.
Was für eine Moral hatte die deutsche Mannschaft da an den Tag gelegt. Denn noch im Mai hätte man das Team, das da im „kleinen Finale“ sand, wahrscheinlich als B-Team bezeichnet. Adler, Rolfes, Ballack, Westermann, Träsch waren ja schon vor der WM ausgefallen, zum Spiel um Platz drei fielen mit Lahm, Klose und Podolski aus und Manuel Neuer gab seinen Platz im Tor an Jörg Butt ab. Der Übergang zu Aogo, Cacau und Janssen, später auch Kroos und Tasci, verlief nicht nahtlos und die Südamerikaner zeigten auch, dass sie nicht von ungefähr so weit kamen. Aber wie sich diese Mannschaft mit dem gesamten Trainerteam steigerte, das war schon großer Sport. Auch außerhalb des Spielfeldes.
Spät in der Nacht war die Mannschaft, die in diesem Moment eher einem Krankentransport ähnelte im Velmore angekommen und es wurde sicherlich auch noch ein bisschen gefeiert. Am Sonntag gibt es nur noch die Pressekonferenz um 12 Uhr, die Heimreise tritt die Mannschaft am Sonntag gegen 18.30 Uhr an. Fahrt zum Tambo-Flughafen nach Johannesburg, 20 Uhr Abflug mit dem Airbus nach Frankfurt. Und damit schließt sich dann der Kreis um eine Weltmeisterschaft, die man sich so niemals hätte vorstellen können.
Jetzt sitze ich also hier in Johannesburg im Flughafen und warte auf den Rückflug. Tausend Dinge gehen durch den Kopf. Eine Liste machen, wem man am meisten Dank schuldet? Saure Zitronen verleihen für diejenigen, die am weitesten daneben lagen?
Joachim Löw hat nicht nur eine Bronzemedaille im Gepäck, sondern auch die Zusage des Bundespräsidenten auf eine weitere Ehrung. Über Christian Wulff kann man sagen, was man will – aber er hat die Gelegenheit beim Schopfe ergriffen. Er ist nicht Trittbrett gefahren, sondern er hat Ehrlichkeit und auch Fachkenntnis gezeigt. Erst am Samstagabend in Port Elizabeth, dann einen Tag später in Velmore. Und es gab schon andere Politiker, die haben den Elfmeter vergeben – obwohl im gegnerischen Tor (im übertragenen Sinne) kein Torwart stand.
3:2 gegen Uruguay im Spiel um Platz drei. Eine Klasse Leistung. Mit einer Mannschaft, deren Aufstellung man noch einmal näher betrachten sollte. Noch vor wenigen Wochen hätte man nicht glauben können, dass bei der Weltmeisterschaft die deutsche Mannschaft ohne Adler, Neuer, Westermann, Ballack, Podolski, Klose, Lahm, Rolfes, Träsch antritt. Und dann liefert eine Mannschaft ohne diese Spieler eine tadellose Partie ab, besiegt das starke Team aus Uruguay mit 3:2 und reiht sich ein als drittbeste Mannschaft dieser Welt. Man hat gegen Australien, Argentinien und England gesehen, dass die deutsche Mannschaft spielerisch riesiges Potenzial hat. Gegen Uruguay zeigte sie, dass sie auch Kampfspiele gewinnen kann. Und ehrlich: Von der Elf, die in Port Elizabeth spielte, durften vor der WM doch nur Schweinsteiger und Mertesacker sicher sein, dass sie einen Stammplatz haben.
Hoffen wir, dass die Südafrikaner langfristig von dieser Weltmeisterschaft profitieren. Beim Spiel gegen Spanien in Durban ist mir Dr. Thomas Bach über den Weg gelaufen. Und der Besuch von Thomas Bach sollte kein Zufall sein. Durban will sich um Olympische Sommerspiele bewerben – und das wäre ein weiteres Highlight für Südafrika.
Natürlich wird die Euphorie nachlassen – in den vielen Läden gibt es schon viel Nachlass auf Fanartikel von Italien, Argentinien oder auch Frankreich. Aber die Autobahn von Pretoria nach Johannesburg ist fünfspurig zur WM ausgebaut worden, es gibt viele Hotels – und dies sind nur Teile der vielen infrastrukturellen Bereiche, die verbessert wurden.
Auch in der deutschen Nationalmannschaft gab es erhebliche Veränderungen durch dieses Turnier. Das hat gar nichts mit Michael Ballack zu tun, der an dieser Stelle schon entsprechend gewürdigt wurde. Mal ehrlich: Hätten Sie gedacht, dass Bastian Schweinsteiger nicht nur sportlich zu solchen Höchstleistungen fähig ist? Wie er sich bei dieser WM präsentierte – da waren entweder hunderte von Zeitungsartikeln völlig falsch oder er hat sich total gewandelt. Verantwortungsvoll, ehrgeizig, konsequent – dabei wurde er immer ein bisschen als Filou dargestellt. Wie er nach dem Spiel um Platz drei noch vor der Siegerehrung kurz vom Platz ging und sich bei jedem Betreuer einzeln bedankte – das hatte wahre Größe. Ebenso wie jedes Interview.
Was bleibt? Die Dankesliste beinhaltet die Gefahr, jemanden zu vergessen. Doch wir versuchen es – ohne Wertung der Reihenfolge.
Südafrika – dafür, dass sie ihr wundervolles Land mit so viel Menschlichkeit und Lebensfreude beleben
Sepp Blatter – dafür, dass er den Mut hatte, die WM an Südafrika zu vergeben
Gerhard Mayer- Vorfelder – dafür, dass er 2000 den DFB und die Vereine dazu zwang, in den Nachwuchs zu investieren mit Internaten usw.
Margarete – für unvorstellbare Gastfreundschaft.
Die deutsche Mannschaft – für vier Wochen Spektakel
Markus Gilliar – dafür, dass er in punkto Organisation und Logistik nicht zu schlagen ist.
Joachim Löw – dafür, dass er den Mut hatte, immer an seiner Linie beizubehalten und nie den bequemeren Weg ging
Oliver Bierhoff – dafür, dass er die idealen Rahmenbedingungen schuf, in Sizilien, Südtirol und in Südafrika
Theo Zwanziger – dafür, dass er die Vorschläge von Oliver Bierhoff akzeptierte und finanzierte.
Jürgen Klinsmann – dafür, dass er von 2004 bis 2006 ein neues Denken in den Verband brachte
Danny Jourdan – dafür, dass er eine perfekte WM organisierte.
Vielleicht sollte man die Liste fortsetzen. Vorschläge werden entgegengenommen.
Und ich denke, der fussballist wird auch fortgesetzt. Noch gibt es ja einiges zu erzählen über diese WM…
Willkommen zurück in Deutschland. Wenn du in Mannheim sitzt, verschwitzt, 45 Minuten auf den Anschlusszug wartest, weil dein Zug schon am frühen Montagmorgen Verspätung hatte, dann weißt du: Ich bin wieder in Deutschland. Gestrandet, an einer versifften Bank an einem verdreckten Bahnhof. Dass in Südafrika derweil japanische Journalisten frierend nachts im Pressezentrum sitzen, ist ein schwacher Trost. In Südafrika werden nur unsere Vorurteile bestätigt. Aber hier? In Südafrika kommen wenigstens freundliche Helfer, erklären, was los ist und geben einem zumindest das Gefühl: Alles wird gut.
Wie sagte doch die Stewardess bei der Billigfluglinie Kulula Air: „Wir haben eine Verspätung von zehn Minuten. Wir können ihren Ärger über diese Verspätung verstehen. Aber wir bitten Sie: Übertragen Sie den Ärger nicht auf ihren Nebensitzer und nicht auf das Personal. Wir werden versuchen, die Verspätung wieder reinzuholen.“
Und in Deutschland? Da kommt dann irgendwann doch noch der ICE nach Stuttgart, der Hochtechnologiezug, der Stolz unserer Industrie und die erste Durchsage lautet: „Das Bordrestaurant hat ab sofort geschlossen. Wegen Klima-Ausfall. Ich wiederhole: Das Bordrestaurant hat ab sofort geschlossen. Wegen Klima-Ausfall.“ Und das ist dann wiederum überraschend: Kaum ist man mal fünf Wochen weg, schon fällt in Deutschland das Klima aus.
Der Flug von Johannesburg nach Frankfurt mit dem halbleeren Airbus dauert 9.48 Stunden. Spätestens bei der Landung in Frankfurt wurde auch dem letzten Mitglied dieser Truppe klar, was zuhause für eine Stimmung herrscht. Es gab quasi auf den letzten 300 m ein Spalier für den Airbus mit Flughafenmitarbeitern. Schon weiter draußen standen immer wieder vereinzelte Mitarbeiter mit Fahnen – und klatschten Beifall.
Die Spieler wurden kurz von der Oberbürgermeisterin der Stadt Frankfurt empfangen – und dann war das achtwöchige Abenteuer WM relativ unspektakulär beendet. Manuel Neuer nahm den Zug nach Gelsenkirchen (hoffentlich ohne Verspätung), andere den DFB-Fahrdienst. Nur Per Mertesacker war schon gar nicht mehr dabei – er flog von Südafrika direkt in den Urlaub.
Über den Verlauf des Endspiels hatte unterwegs der Kapitän des Airbus die Spieler und den Tross mit vier Durchsagen informiert. Obwohl man den Ausführungen anmerkte, dass er nicht unbedingt ein Fußballexperte ist, wies schon er immer wieder auf die Härte dieses Spiels hin. In der Tat: Dies war natürlich eines WM-Finales unwürdig und die Leistung des Schiedsrichters passte zu der Leistung der meisten Schiedsrichter dieser WM wie der Deckel auf den Topf. Warum er nicht mindestens zwei Holländer vom Platz stellte, bleibt ein Rätsel – wie mir Experten berichteten. Und dass die meisten der Spieler der Holländer ohne Gelbsperre durchs Turnier kamen, Thomas Müller aber wegen eines Handspiels (!), das niemanden weh tat, im entscheidenden Spiel gesperrt war, ist ein ganz anderes Thema. Aber wenigstens wurde dieses brutale Spiel am Ende nicht auch noch belohnt.
Der Weltmeister ist gekürt – und nach dem Endspiel wurde im Pressezentrum bis in die frühen Morgenstunden gearbeitet, während der deutsche Tross der Heimat entgegenflog. Mollig warm, kuschelig im Airbus. Dass es zur gleichen Zeit im Pressezentrum keine Heizung gab und die Temperaturen bei fünf Grad lagen, war ein typisch südafrikanisches Thema. Wahrscheinlich ist auch dort das Klima ausgefallen.
Mein Arbeitsplatz ist nicht mehr die Terasse in der Männer-WG, sondern das Büro in Ludwigsburg. Nur wenige Zahlen: 489 Mails (trotz Bearbeitung der Mails in Südafrika) und 42 Grad (gefühlt). Und wenn es jemand interessiert: heute abend bin ich im Fernsehen, SWR, Landesschau (18.-45 – 19.45 Uhr). Und es gibt auch schon einige Anfragen, die Texte und die Bilder, die hier erschienen sind, in Form eines Vortrages zu präsentieren.m
Das Interesse ist groß – der Fussballist sollte irgendwie weitergehen.
Und es gibt ja auch noch vieles aufzuarbeiten – von der WM und aus der Bundesliga. Nur ein ganz kleines Beispiel: Wie macht das eigentlich Schalke?
Ich rekapituliere:
1. Schalke hat Druck gemacht, dass Kevin Kuranyi mit zur WM nach Südafrika müsse. Richtig Druck. Okay, das ist das gute Recht des Vereins – und Kevin Kuranyi ist auch ein feiner Kerl, die Heimreise beim Länderspiel längst vergessen.
2. Dann kam ein Angebot für Kuranyi von Moskau. Schalke sagt: Okay, da können wir finanziell nicht mithalten. das habe ich auch noch verstanden, Schalke hat ja immer irgendwie Finanzprobleme.
3. Aber dann haben sie Metzelder von Schalke geholt, Heldt als Sportdirektor vom VfB (angeblich 3 Mio Jahresgehalt) und wollen auch noch Raul von Real Madrid verpflichten. Sie verhandeln ernsthaft.
… und wenn mir jetzt einer sagt, dass Raul (von Real Madrid) für weniger Geld spielt, als Kuranyi gespielt hätte – dann glaube ich das auch noch.
Ihr merkt: man kann immer einiges diskutieren. Immer montags und freitags? Bin am überlegen. Bis dahin empfehle ich Euch zur richtigen Lektüre:
Puh, das war knapp. Es war ein richtiges Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen zwei Themen. Sollen wir hier verlinken mit dem Live-Ticker von Philipp Lahms Hochzeit oder doch einen noch gehaltvolleren Artikel heute hier empfehlen.
Für den Live-Ticker sprachen die brutalen Fakten:
+++ Die Kutschen setzen sich in Bewegung. Die Fahrt zurück nach Aying wird etwa 20 Minuten dauern. Im Brauereigasthof warten nun Kaffee und Kuchen auf die Hochzeitsgesellschaft.
+++ Wieder läuten die Glocken! Das Brautpaar kommt! Unter tosendem Applaus der Gäste und von etwa 200 Zuschauern steigen die Zwei Hand in Hand die Kirchentreppe hinab.
NEIN, Stopp. Bitte nicht weiter. Live-Ticker von der Hochzeit – geht´s noch? Wo sind wir gelandet?
Drei Tage zurück in Deutschland – und alles ist fast schon wieder beim alten. Das Bohrloch im Golf von Mexiko ist noch immer nicht geschlossen – und trotzdem sieht man noch Autos und Menschen an den Zapfsäulen der Aral-Tankstellen, wo BP unter dem Namen Aral sein Benzin verkauft. Auch das Nachlesen der Zeitungen der vergangenen fünfeinhalb Wochen bringt keine tiefgreifenden neuen Erkenntnisse. Außer dass Peter Straub, Landtagspräsident von Baden-Württemberg, sich trotz der zwingend notwendigen Sparmaßnahmen einen Porsche Panamera als Dienstfahrzeug hat zulegen wollen und sich dann gewundert hat über die öffentliche Aufregung. Aber auch das sollte uns nicht mehr wundern…
Die Diskussionen im deutschen Fußball? Ehrlich kleinbürgerlich. Die Liga ist beleidigt, weil sie sich in den Erfolgen der Nationalmannschaft nicht entsprechend gewürdigt sieht. Ich habe es zwar nicht mehr ganz genau im Kopf, aber hat nicht Joachim Löw zweimal und Oliver Bierhoff einmal ausdrücklich öffentlich die Nachwuchsarbeit in den Vereinen gelobt? Und: Hat sich jemand aus der Liga bei Joachim Löw bedankt dafür, wie er acht Wochen lang mit dem ihm übergebenen Personal umgegangen ist? Marktwertsteigerung, höhere Ablösesummen, persönliche Verbesserungen in allen Bereichen usw.? Kriegen nicht die Vereine jetzt Top-Spieler zurück, die sich weiterentwickelt haben? Profitieren nicht auch die Vereine vom Boom? Und hat nicht trotzdem vor dem Lob von Löw und Bierhoff schon DFL-Präsident Rauball rechtzeitig zum Halbfinale via Medien die Personalkosten in der Nationalmannschaft zum Thema gemacht?
Nur, damit wir es nicht ganz vergessen: Samstag für Samstag (inzwischen auch dienstags, mittwochs, freitags und sonntags) stehen bei Spielbeginn in der Bundesliga pro Spieltag 180 Feldspieler auf dem Platz. Davon sind meistens nur zwischen 62 und 70 Spieler spielberechtigt für die deutsche Nationalmannschaft. Fast zwei Drittel der eingesetzten Feldspieler sind ausländische Spieler. Das heißt: Wenn Joachim Löw 20 Feldspieler für die WM auswählt, hat er NUR die Auswahl von insgesamt rund 65 Spielern. Ziehen wir dann diejenigen ab, die zu alt sind, in Bochum oder in Nürnberg nur ein kärgliches sportliches Dasein fristen, bleiben vielleicht 30. Und wenn sich der Bundestrainer dann notgedrungen für 20 entscheidet – wer macht ihm dann das Leben besonders schwer? Woher kommt dann die größte Kritik? Richtig – von der Bundesliga, den Trainern und den Managern der Vereine. Also von der gleichen Bundesliga, die sich jetzt beschwert, dass sie nicht richtig gewürdigt wird.
Versteht das noch jeder?
Eitelkeiten regieren die Welt – beim Landtagspräsidenten und bei den Fußballern. Wer hat die meiste Macht? Wer könnte eventuell Kapitän der Nationalmannschaft sein, wenn bei einem der nächsten Länderspiele alle da sind? Da passt es dann auch ins Bild, dass schon wieder ein „Macht“-wort des Bundestrainers verlangt wird. Am besten live vom Krankenbett, wo sich der Bundestrainer noch immer kuriert von seiner Erkältung. Aber selbst das wäre ja nichts Neues: Hat es nicht schon einmal eine Pressekonferenz eines Bundesligatrainers gegeben, der um Haaresbreite Bundestrainer wurde, live aus dem Krankenhaus?
Sami Hyypiä ist relativ unverdächtig und auch viel objektiver als ich, weil er ein wackerer finnischer Verteidiger ist, der zehn Jahre beim FC Liverpool gespielt hat und jetzt in Leverkusen kickt. In einem herausragenden Interview in „11 Freunde“ hat er mal auf die Frage nach seiner größten Überraschung über sein Leben in Deutschland gesagt: „Am überraschendsten ist für mich, dass in Deutschland niemand über Fußball redet.“
Da hat er recht. Es geht zu wenig um Fußball. Es geht zu viel um Personen. Es geht zu viel um Eitelkeiten. Und es geht zu viel um Macht.
Eigentlich ist Fußball ein ganz einfaches Spiel. Nur das drumherum wird immer komplizierter. Wir werden mit Informationen überfrachtet. Ist Khedira schon in Madrid, van der Wiel (oder so ähnlich) schon bei Bayern? Ist er Rechts- oder Linksverteidiger usw. Damit wir uns in diesem Dschungel zurechtfinden, bräuchten wir eigentlich Übersetzungsmaschinen. Nach langen Recherchen haben wir eine gefunden. Sie übersetzt nicht englisch – deutsch, nicht schwäbisch – hochdeutsch, sondern: Fußballersprache – normaler Menschenverstand. Hier jetzt der erste Versuch. Ich habe wahllos einige Zitate mal eingegeben, die man immer wieder hört. Und ich habe folgende spektakuläre Übersetzungen erhalten:
Vereinsmanager, Trainer, Spieler sagen:
Originalton: „Mir fehlt in diesem Verein die Anerkennung.“
Übersetzung: „Woanders könnte ich viel mehr Kohle verdienen.“
(Vereinsmanager sind in dieser Rubrik aus aktuellem Anlass erst seit wenigen Wochen aufgeführt)
Spieler:
Originalton: „Ich habe keinen Kontakt zu Mailand (kann ersetzt werden durch Barcelona, Madrid oder Chelsea).
Übersetzung: „Mein Manager verhandelt bereits intensiv mit Mailand (Barcelona, Madrid oder Chelsea).
Vereinsmanager:
Originalton: Mailand (Madrid, Barcelona, Chelsea) hat sich bei uns noch nicht gemeldet.“
Übersetzung: Variante 1: „Jetzt ruft endlich mal an, ihr Mailänder.“
Variante 2: Die Ablösesumme ist im Vertrag ohnehin festgeschrieben – sie müssen sich nicht melden. Nur überweisen.“
Spieler:
Originalton: „So hart haben wir in der Saisonvorbereitung noch nie trainiert.“
Übersetzung: „Ich habe im Urlaub geschlampt, keinen Bock, will mich aber einschmeicheln.“
Präsident:
Originalton: „Der Trainer ist doch nicht verantwortlich, wenn die Spieler tausendprozentige Chancen vergeben.“
Übersetzung: „Der Trainer ist keine vier Wochen mehr da – denn natürlich ist er verantwortlich dafür.“
Trainer, Präsident, Vereinsmanager:
Originalton: „Wir werden den Maulwurf finden.“
Übersetzung: „In drei Wochen haben wir eh einen neuen Trainer. Einen Maulwurf wurde noch nie gefunden und die Frage ist nur: „Stimmt das, was der Maulwurf gesagt hat.“
Trainer:
Originalton: „Ich setze auf junge deutsche Spieler und ich will offensiv spielen lassen.“
Übersetzung: „Das habe ich beim letzten Amtsantritt auch schon gesagt – und bin damit durchgekommen. Wenn´s eng wird, hole ich über den Spielervermittler XY drei ganz erfahrene Verteidiger aus Kroatien (Serbien, Brasilien, Argentinien).
Trainer:
Originalton: „Ich brauche neue Spieler für 10 (bzw. 20, 30, 40 Millionen) Euro – sonst stürzen wir ab.“
Übersetzung: „Die Zukunft des Vereins ist mir egal. Mir geht es nur um mich.“
Reporter:
Originalton: „Man merkt deutlich, dass in dieser Mannschaft Spieler XY fehlt.“
Übersetzung: „War klasse, dass ich bei der letzten Party von XY auch dabei sein durfte und für den Geburtstag des Spielers die DVD mit den schönsten Toren zusammenstellen konnte.“
Reporter, Ex-Spieler, manchesmal auch Manager:
Originalton: „In dieser Mannschaft fehlen Typen.“
Übersetzung: „Wie war das noch herrlich, als wir alle gemeinsam nachts um die Häuser zogen.“
Wochenend und Sonnenschein. Was so ein Wochenende alles bewirken kann. Wenigstens weiß ich jetzt, wie das mit den ICE Zügen funktioniert: Die Klima-Anlage funktioniert nur zwischen 20 und 30 Grad und die Heizung zwischen 10 und 20. Oder so ähnlich. Aber ist doch eigentlich logisch, dass die Klimaanlagen nicht funktionieren, wenn es besonders heiß ist, oder? Das wäre echt zu viel verlangt. Und wer ist schuldig? Das ist mal wieder die Hauptfrage.
Uli Hoeneß hat das Wochenende noch gebraucht, damit klar wird, dass er sich nicht als Präsident der Liga zur Wahl stellt. Ich hatte noch gar nicht alle Interviews gelesen, da kam schon der Fallrückzieher. Wirklich schade. Eine Auswahl zwischen zwei Kandidaten hat noch nie geschadet, oder?
Jetzt aber macht man weiter mit Dr. Rauball (Borussia Dortmund) und Peter Peters (Schalke 04). Wirklich schade. Zumal Uli Hoeneß ja versprochen hat, dass es im Falle seiner Wahl allen besser gehen würde.
Aber die Liga entwickelt sich ja anscheinend wirklich klasse. Sie war der Gewinner der Weltmeisterschaft, lese ich überall, steht strahlend da. Gut, man hätte gerne mehr Lob eingeheimst. Aber es geht täglich weiter mit Aufbruchstimmung. Blühende Landschaften, überall. Nur in ein Bild, das ich von der Weltmeisterschaft noch im Kopf habe, passt das noch nicht so ganz. Mein aktueller Stand bei den Transfers: Die Bundesliga verlassen werden Boateng (21 Jahre alt, sicher zu Manchester City), Khedira (23 Jahre alt, so gut wie sicher, Real Madrid), Mesut Özil (21 Jahre, eventuell auch zu Real). Drei deutsche WM-Helden. Dafür kommen in die Liga: Ballack (33 Jahre alt, sicher von Chelsea), der Spanier Raul (33 Jahre alt, ziemlich sicher von Real), Timmy Simmons (33 Jahre zum 1. FC Nürnberg). Trügt mein Gefühl, dass da irgendetwas falsch ettikiert ist? Die Stars der WM gehen – und es kommen welche, die bei der WM keine Rolle mehr gespielt haben? Obwohl die Liga der Gewinner der WM ist?
So macht man sich seine Gedanken übers Wochenende.
Die Hektik begann schon vergangene Woche Dienstag. Die ARD und dort insbesondere der Bayrische Rundfunk wussten angeblich aus todsicherer Quelle, dass Bundestrainer Löw am Freitag bekannt geben würde, dass er seinen Vertrag nicht verlängern würde. Alle Vorbereitungen für einen ARD-Brennpunkt am Freitag seien getroffen. Wo´s herkam? Wohl weil Waldi Hartmann – wie berichtet wird – in einer Radiosendung gesagt hat, er wisse zu 99,9 Prozent, dass beim ersten Länderspiel nach der WM Matthias Sammer auf der Bank sitzen würde. Und Waldi gilt ja immer als bestens informiert.
Heute wissen wir: Alles der Sendung angepasst, Stammtischgeschwätz.
Als die Bayern den Brennpunkt zeigen wollten, wurde gleichzeitig mit Stil und Niveau an der Verlängerung der Verträge gearbeitet. Sieben Tage ist Joachim Löw von der WM zurück am Montag zurück gewesen, davon war er vier Tage richtig krank. Seit Freitagmorgen ist er erst auf den Beinen – und dann wurden übers Wochenende Verträge einer ganzen sportlichen Leitung verlängert ohne Machtspielchen in der Zeitung, Drohungen, Gebärden, Poker usw. Hut ab, oder?
Jetzt gibt es einen Kurzurlaub der Trainer und die Schlagzeilen werden die Vereine übernehmen. Aber viel Zeit bleibt nicht, bis es wieder in die andere Richtung geht. Schon am 11. August steht das Länderspiel in Kopenhagen gegen Dänemark auf dem Programm.
Zugegeben, es ist im so emotionalen Fußball ausgesprochen schwierig – aber vielleicht kann man schon jetzt mit ein paar Punkten etwas zur Versachlichung der Diskussion beitragen: Dieser Termin wurde nicht vom DFB und auch nicht von Joachim Löw festgelegt. Es gibt einen weltweiten Rahmenterminkalender der Fifa, in dem feste Termine für Länderspiele vorgesehen sind. Es kann ja nicht sein, dass eine Woche die Schweiz spielt, nächste Woche Deutschland. Der Rahmenterminplan ist deshalb nicht nur an die Termine der europäischen Ligen gebunden, sondern auch an die südamerikanischen, afrikanischen usw. Da Nationalspieler der verschiedenen Länder in Vereinen auf der ganzen Welt spielen, ist es anders nicht zu regeln. Und selbst in den Kontinentalverbänden gibt es keine einheitliche Regelung bei den Terminen: In Skandinavien oder auch in Russland wird nach dem Kalenderjahr gespielt. Das heißt: Die Saison beginnt im Februar/März geht im Sommer fast durch und endet im November. Also ist ein Länderspiel im August dort oder auch in Südamerika keine Überraschung. In den europäischen Top-Ligen gibt es kleinere Unterschiede: Spanien und Italien beginnen wegen der Sommerferien und der Sommerhitze naturgemäß erst im September, Deutschland eigentlich Anfang August. Also: Alles nicht so einfach. .
Und trotzdem: Ein Länderspiel, das so kurz nach einer WM und noch vor der Bundesligasaison stattfindet, ist ein Grund zur Ärgernis. Aber braucht man schon wieder das Machogehabe? Boykott-Drohung? Zeitungen? Schlagzeilen?
Der Termin steht, das Spiel wird stattfinden. Und man wird sich in irgendeiner Form einigen. Schade nur, dass es wieder gegen Dänemark geht. Denn da gab es schon einmal ein denkwürdiges Spiel in Duisburg – im März 2007, an das man sich zurückerinnern sollte. Denn damals war die Situation ähnlich und für Deutschland spielten Enke – Fritz, Madlung, Manuel Friedrich, Jansen – Hilbert (58. Freier), Rolfes (71. Castro), Hitzlsperger, Trochowski – Kuranyi (46. Kießling), Schlaudraff (78. Helmes).
Die etablierten Kräfte wurden alle geschont. Deutschland hat dann auch mit 0:1 verloren. Aber hinterher gab es keine Bestätigung der Bundesligavereine für des Trainers Vorgehen, die Stammspieler zu schonen – die Kritik bekam alleine der Bundestrainer ab. So gesehen können wir alle schon ahnen, was wieder auf uns zukommt in ein paar Wochen.
Nehmen wir mal an: René Adler hätte sich vor der Weltmeisterschaft nicht verletzt, auch Neuer, Wiese, Butt– alle fit. Aber was macht Joachim Löw vor der WM? Er holt Oliver Kahn zurück.
Dann gehen wir zur Weltmeisterschaft – und sind hoffnungslos unterlegen. Wir werden quasi überrundet, was ungefähr einem 0:9 entspricht oder 0:11. Und was sagen wir nach der Hälfte der Spiele? „Wir konzentrieren uns auf die nächste Weltmeisterschaft.“ Und alle sind zufrieden.
Oder wir haben das letzte Gruppenspiel und jeder weiß: Ein 1:0 für Deutschland garantiert Deutschland und auch dem Gegner Ghana das Weiterkommen. Wie läuft das Spiel: Deutschland schießt nach zwei Minuten das 1:0 (der gegnerische Torwart aus Ghana wirft sich den Ball ins eigene Tor), dann gibt es 88 Minuten lang keinen Torschuss mehr. Wie sagt man dazu? Richtig: Stallorder. Würden da die Zeitungen auch schreiben: Deutschland und Ghana sind in der Gruppe die Besten – und da ist es klar, dass sie einen Weg finden, um weiterzukommen?
Aber die Quoten steigen. Auch bei der Tour de France. Wollten die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten nicht vom Radfahren berichten, so lange die Doping-Problematik nicht geklärt ist? Sind beim Radfahren die anstehenden Gerichtsverhandlungen nicht spannender als ein Zeitfahren am Tourmalet? Aber: Hätte nicht letzten Endes das Fernsehen die Fäden in der Hand, könnte nicht das Fernsehen am leichtesten die ganze Problematik dieser dopingverseuchten Sportart lösen?
Meine Lösungs-„Formel“: Ohne Fernsehen keine Aufmerksamkeit. Ohne Aufmerksamkeit keine Sponsoren. Ohne Sponsoren keine Zukunft. Ohne Zukunft bleibt nur der Neuanfang.
Zugegeben, wir werden uns in den nächsten Tagen darüber ärgern, wenn jetzt die ganzen bedeutungslosen Spiele zu richtigen Sport-Events hochgejubelt werden. Aber: Es gibt keine Stallorder, es wird keiner gedopt sein und Oliver Kahn wird auch nicht reaktiviert. Beim Fußball ist wahrlich auch nicht alles Gold was glänzt. Fußball ist zwar nicht das Idealbild des ehrlichen Sports – aber es ist doch ein bisschen mehr Sport. Zumindest mehr als Formel 1 und Radfahren.
Großes Nachdenken bei mir. Ab und zu habe ich bei den Diskussionen um die notwendigen Neuerungen im Fußball sogar den Weltfußballverband Fifa verteidigt. Denn der Vorteil des Fußballs gegenüber vielen anderen Sportarten war doch schon immer, dass immer nach den gleichen Regeln gespielt wird. Egal, ob es sich um ein U14-Spiel in Burkina Faso oder um ein Gruppenspiel bei der Weltmeisterschaft handelt. Habe ich bisher gedacht.
Erst am Rande der Weltmeisterschaft, als es um den Videobeweis ging, haben wir doch immer wieder gehört: Man könne nicht einen Videobeweis bei einer Weltmeisterschaft einführen – aber bei Jugendspielen nicht.
Und was lese ich jetzt?
Der Bayrische Fußballverband macht zur neuen Saison einen Alleingang. Ab der neuen Saison sind in dem größten deutschen Landesverband in den unteren Ligen bis hoch zur Kreisliga die sogenannten Rückwechsel erlaubt. Das heißt: Spieler, die ausgewechselt wurden, dürfen wieder eingewechselt werden.
Natürlich ist dies aus Sicht der kleineren Vereine verständlich, da sie zunehmend unter Spielermangel leiden. Aber ehrlich: Das ändert doch auch wesentlich den Charakter des Spieles, oder? Raus – wieder rein – das ist doch ganz was anderes für Taktik, Regel und auch Spielverlauf. Und ich sehe schon den Trainer, der in den letzten Minuten pausenlos wechselt und so einen knappten 1:0-Vorsprung über die Zeit bringt.
Aber wenigstens gibt es eine ganz neue Erkenntnis und eine Folge: Ich werde den Weltfußballverband Fifa nicht mehr verteidigen bei diesen Diskussionen. Denn Fußball wird eben doch nicht auf der ganzen Welt nach den gleichen Regeln gespielt – der Bayrische Fußballverband stellt seine eigenen auf.
Aber groß verwundern sollte uns das nicht. So lange es alleine im Bundesland Baden-Württemberg drei Verbände gibt (Württemberg, Baden und Südbaden) und dies immer noch als wichtig und unumstößlich verkauft wird, muss man auch damit rechnen, dass jeder seine eigenen Regeln aufstellt. Wenn nicht einmal ein Bundesland durchsetzen kann, dass es in seinem Gebiet nur ein Fußballverband gibt, weil man so viel Geld sparen kann, wird es eben schwer…
Auch im Sport gibt es riesige Sparpotenziale. Auch beim Sport im Fernsehen. Jetzt hat ein medienpolitischer Sprecher der FDP ein Thema aufgegriffen, das auch ich noch nie verstanden habe: Warum berichten von einer sieben- oder achttägigen Leichtathletik-Europameisterschaft ARD und ZDF abwechslungsweise? Wären nicht Kosten zu sparen, wenn ein Sender von der Europameisterschaft – und der andere von der Weltmeisterschaft berichtet? Immer doppelte Anreise, doppelte Kosten, teilweise doppeltes Studio?
Natürlich würde deswegen die Finanzkrise des Landes nicht behoben – aber wenn wir alle großen Sportveranstaltungen bis hin zu Olympischen Spielen unter diesem Gesichtspunkt untersuchen, wäre – ebenso wie bei den einzelnen Sportverbänden in den Ländern – einiges Geld zu sparen, das dann wieder dem Sport zugute kommen könnte.
Ein Leichtathletik-Abend. Das ZDF berichtet von der Europameisterschaft und der Abend ist ja eigentlich gar nicht so schlecht für einen (deutschen) Zuschauer. Gold im Speerwerfen, Gold im 100 m-Lauf. Eigentlich einigermaßen kurzweilig.
Aber war das jetzt nicht eher Zufall?
Das Stadion in Barcelona ist nicht einmal zu einem Drittel besetzt. Und hören wir seit vielen Jahren nicht immer wieder die Kommentare: Das Fernsehen bringt zu wenig andere Sportarten – und viel zu viel Fußball.
Das stimmt – aber nur bedingt. Natürlich muss nicht jeder T-XXX-Cup live im Fernsehen übertragen werden. Aber was tun eigentlich diese anderen Sportarten, um ins Fernsehen zu kommen? Liegt es immer nur an den anderen, liegt es immer nur an der Übermacht des Fußballs?
Ganz ehrlich: So lange es die Leichtathleten nicht einmal schaffen, im Zehnkampf (oder auch im Siebenkampf der Frauen) im abschließenden 1.500 m-Lauf (oder 800 m bei den Frauen) in der Reihenfolge der Platzierung in einer Art Jagdrennen zu starten, hält sich mein Mitleid mit den Leichtathleten in Grenzen. Wie spannend wäre es, wenn die Zehnkämpfer, die “Könige der Athleten”, beim 1.500 m-Lauf in den Zeitabständen starten, die sich aus den vorausgegangenen neun Disziplinen ergeben? Dass ich immer weiß als Zuschauer im Stadion und am Fernsehen: Wenn der eine jetzt noch den anderen einholt, rückt er in der Gesamtwertung einen Platz nach vorne. Mir hat sich bis heute nicht erschlossen, warum dies nicht funktionieren soll wie im Biathlon oder in der Nordischen Kombination. Wenn es Argumente dagegen gibt – bitte. Wegen der Rekorde kann man doch sicherlich auch die effektiven Laufzeiten messen.
Früher war doch die Nordische Kombination eine der allerlangweiligsten Sportarten. Man rannte in den Wald hinaus, kam nach zwei Stunden zurück, dann wurde eine Stunde gerechnet und der Sieger bekanntgegeben. Und Biathlon doch auch. Erst mit der Erfindung von neuen Disziplinen und Regeln wie der Gundersen-Methode (Zeitabstände vom Springen werden umgerechnet) in der Nordischen Kombination stieg das Fernsehen ein.
Nehmen wir die Wurfdisziplinen bei der Leichtathletik. Da fliegt mal wieder ein Speer oder ein Diskus durch die Luft – mit etwas Glück ist eine Linie im Fernsehen zu sehen, die die Marke des Ersten darstellt. Manchesmal auch vom Zweiten oder Dritten – manchesmal auch gar nicht. Bei den Deutschen Meisterschaften, die auch im Fernsehen übertragen wurden, fehlten sogar die Weitenmarkierungen am Rande.
Warum kann man es nicht folgendermaßen machen bei allen Wurfdisziplinen am Beispiel Speerwerfen Frauen: Erste Linie: 55 m – jeder hat drei Versuche, wer drüber kommt, bleibt im Rennen, wer die Linie nicht schafft, scheidet aus. Dann 58 m, 60 m usw. Am Ende sind nur noch die zwei oder drei Besten im Wettbewerb und es geht um Gold, Silber oder Bronze. Das wäre doch richtig spannend und man müßte nur das Prinzip des Hoch- oder Stabhochsprungs (Latte fällt runter oder bleibt liegen) auf die Wurfdisziplinen übertragen. Am besten mit einer Ampel. Man kann Weiten auslassen, taktieren usw. Spricht was dagegen? Habe ich was übersehen? Aber es müßten dann auf alle Fälle auch nicht immer welche mit Maßband, Meßgeräten oder ähnlichem rennen und ein weißes oder rotes Fähnchen heben.
Zugegeben, es wäre dann ein anderer Wettbewerb, bei dem andere Qualitäten gefragt sind und ein paar Gralshüter müssten über ihren Schatten springen. Da damit alelrdings nicht wirklich zu rechnen ist, wird man es weiterhin so machen wie bisher. Und weiterhin darüber schimpfen, dass das Fernsehen zu wenig über Leichtahletik berichtet…